Der Kanton Zürich wächst. Vieles wird anders, vieles wird besser. Wir wissen allerdings aus unserem eigenen Lebenslauf: Veränderungen tun oft weh. Ähnliches gilt für bauliche Veränderungen: Die vertrauten Eigenschaften von Stadt, Quartier oder Dorf gehen verloren. Charakterzüge, die über Jahrhunderte gewachsen sind und zu denen wir Zuneigung entwickelt haben, verblassen. Das eigene Zuhause unterscheidet sich immer weniger vom Zuhause der anderen. Winkel sieht bald aus wie Bachenbülach, Bonstetten wie Wettswil, Pfäffikon wie Fehraltorf, Altstetten wie Albisrieden.

Das Kleinbauernhaus in Bäretswil zeugt vom entbehrungsreichen Leben der ländlichen Bevölkerung im vorletzten Jahrhundert. Heute dient es als Abstellkammer. Foto: kantonale Denkmalpflege Zürich.

Einmaligkeit

Die kantonale Denkmalpflege ist eine Abteilung des Amtes für Raumentwicklung. Teil jenes Amtes also, das die Entwicklung des Kantons fördert und steuert. Denkmalpflege ist damit eine Disziplin der Raumentwicklung. Sie bezeichnet eine Auswahl von Orten und Gebäuden, die sich mit besonderer Rücksicht auf ihre Charaktere, auf ihre Einmaligkeit entwickeln soll. Die Denkmalpflege begleitet und unterstützt die Entwicklung dieser Auswahl, einer Auswahl, die für die emotionale Bindung der Bewohner an ihren Wohnort wesentlich scheint. Dabei arbeitet sie transparent: Sie erstellt und veröffentlicht das Inventar der schutzwürdigen Bauten, eine Übersicht jener Gebäude, die die Einmaligkeit eines Gebiets ausmachen. Wer ein Haus im Inventar verändern will, muss mit der Denkmalpflege Kontakt aufnehmen, die geplanten Veränderungen vorstellen und allenfalls die Art dieser Veränderung aushandeln. Damit trägt die Denkmalpflege in Zusammenarbeit mit den Gemeinden dazu bei, das Vertraute der einzelnen Quartiere, Dörfer und Weiler im Kanton zu erhalten.

Kleinräumige Flarzhäuser wie das Haus Freddi in Undalen (Bauma) erinnern an die damals neuartige Lebensweise der Heimarbeiter, auch der Fabrikarbeiter, die dicht an dicht in kleinen, günstig zusammengewerkelten Häusern wohnten. Foto: kantonale Denkmalpflege Zürich.

Vielfalt

Der Kanton Zürich umfasst topografisch unterschiedliche Regionen mit eigenen meteorologischen Merkmalen – vom hügeligen Oberland über das flache Weinland bis zum regenreichen Knonaueramt oder zum trockenen Rafzerfeld. Diese äusseren Gegebenheiten zwangen die Bevölkerung, ihre Lebensweise anzupassen, was regional unterschiedliche Bauten hervorbrachte. Zusätzlich schuf die historische Entwicklung uneinheitliche wirtschaftliche und rechtliche Grundlagen. Damit entstanden Gebiete, deren Bausubstanz sich von Weiler zu Weiler, von Dorf zu Dorf voneinander abhebt. Es wuchs über die Jahrhunderte die bauliche Vielfalt, die den Kanton Zürich bis heute prägt.

Das Wachstum des Kantons verlief gemächlich. Die Entwicklung von der Gotik zum Barock dauerte Jahrhunderte, Gebäude aus verschiedenen Zeiten in unterschiedlichen Bauweisen fügten sich nebeneinander. Heute wechselt der architektonische Ausdruck von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Normierung und Standardisierung der Baugesetze, die internationale Vernetzung der Baubranche und die Vereinheitlichung der Architektinnen- und Planerausbildungen erzeugen neuartige und qualitätsvolle Bauten – doch überall die gleichen, die wenige Jahre darauf gleichartig erneuert werden. Da in den letzten Jahrzehnten so viel gebaut wurde wie nie zuvor, gleichen sich die Orte immer mehr. Die Einfamilienhäuser in Bauma sind die gleichen wie in Eglisau, die Aussendämmung am Wohnhochaus in Greifensee unterscheidet sich nicht von jener in Dietikon. Deshalb begleitet die Denkmalpflege die Veränderung einer Auswahl von historisch besonders wertvollen Gebäuden: Damit ein Teil der historisch gewachsenen Zürcher Vielfalt bestehen bleibt.

Heute ein Museum: die ehemalige Bauwollspinnere Guyer-Zeller im Fabrikensemble Neuthal. Foto: kantonale Denkmalpfege Zürich.

Nachvollziehbare Zürcher Geschichte

Die Vielfalt der Gebäude erzählt die vielfältige Geschichte des Kantons. Ein Teil tut das in herausragendem Mass und erinnert in exemplarischer Weise an das Leben unserer Vorfahren, an die Schritte hin zu unserer Zeit. Das Kleinbauernhaus in Bäretswil zeigt das entbehrungsreiche Leben der ländlichen Bevölkerung, die im 19. Jahrhundert die Nahrungsmittel für die Industriearbeiter anbaute. Der Flarz in Hittnau erinnert an die damals neuartige Lebensweise der Heimarbeiter, auch der Fabrikarbeiter, die dicht an dicht in kleinen, günstig zusammengewerkelten Häusern wohnten. Die Fabrikantenvilla in Bäretswil ist das wohlhabende Gegenstück dazu. In der Fabrik Neuthal überlagerten sich die Lebenswelten von Fabrikanten und Arbeitern, hier spannen und woben die Arbeiterinnen und Arbeiter Baumwolle für das Wohlergehen der Fabrikantenfamilie – und für den eigenen Lebensunterhalt, damit sie die Nahrungsmittel bei den Kleinbauern einkaufen und die Mietkosten für ihren Flarz begleichen konnten.

Fabrikantenvillen wie die Villa «Flora» in Wald sind das wohlhabende Gegenstück zu den einfachen Behausungen der Fabrik- und Heimarbeiterinnen. Foto: kantonale Denkmalpflege Zürich

Eine besondere Stellung nehmen die Schulhäuser ein. Die Denkmalpflege prüft auch dort die Schutzvermutung, begleitet und unterstützt die Eigentümer in der Weiterentwicklung der Bauten, damit diese den heutigen Bedürfnissen angepasst werden können – und damit sie ihren Erinnerungswert und ihre Inspirationskraft behalten.

Aus all diesen Gründen tun die das, in der Denkmalpflege. Damit die Einmaligkeit der Weiler, Dörfer und Gemeinden – und jene der Schulhäuser – im Kanton Zürich erhalten bleibt. Damit dieser Kanton weiterhin in seiner Vielfalt glänzt, damit seine Geschichte für die Bewohnerinnen und Besucher nachvollziehbar bleibt und sie – nicht zuletzt auch im Schulhausbau – zu Lösungen für die Zukunft inspiriert.

Denkmal macht Schule

Dieser Artikel erscheint im September 2020 im Themenheft «Denkmal macht Schule» von Hochparterre. Bestellen Sie das ganze Heft bei Hochparterre.ch.

Das Themenheft kann auch als E-Paper am Bildschirm gelesen werden.

Denkmaltage 2020 Digital

Die Europäischen Tage des Denkmals 2020 finden am 12. und 13. September 2020 statt. Das diesjährige Thema ist «Weiterbauen». Zu diesem Anlass veröffentlicht die Abteilung Archäologie und Denkmalpflege des Kantons Zürich in loser Folge Videos, Podcasts und Blogbeiträge zum Thema Weiterbauen an Schulhäusern.

Live auf Instagram am 12. September 2020

Wir nehmen Sie mit auf einen Spaziergang durch die Kantonsschule Im Lee in Winterthur. Folgen Sie uns auf Instagram: @adzuerich

Teilen:

Verfasst von:

Jan Capol

Jan Capol

Jan Capol ist Historiker und leitet das Ressort Inventarisation bei der kantonalen Denkmalpflege.

Schreiben Sie einen Kommentar:

weitere Beiträge:

Videos: Neue Räume, wiederentdeckte Farben und Kunst für die Kanti Im Lee

Generationen von Kantonsschülerinnen und Kantonsschülern haben Im Lee ihre Matura gemacht. Nach 90 Jahren intensiver Nutzung wird das imposante Gebäude in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege instandgesetzt. Erfahren Sie in kurzen Video-Beiträgen, wie im Dach neuer Raum für Musik entsteht, wie die Architekten die Farbigkeit von 1928 wiederentdecken und was es mit der Kunst am Bau auf sich hat.

Podcast Folge 4: Die Zukunft der Zürcher Schulhäuser

In der letzen Folge des Podcasts «Weiterbauen» spricht Robin Bretscher mit dem Kantonsplaner Wilhelm Natrup über Raumplanung, Denkmalpflege und die Zukunft der Schulhäuser. Wie geht der Kanton Zürich mit dem vermeintlichen Widerspruch zwischen Erhaltung von Baudenkmälern und dem Weiterbauen im Bestand um?

Diese Website verwendet Cookies, um Sie beim individuellen Navigieren zu unterstützen. Durch die Benutzung dieser Website erklären Sie sich einverstanden, dass wir Cookies im Einklang mit der Erläuterung in unserer Datenschutzerklärung verwenden. Bitte lesen Sie unsere Nutzungsregelungen, um mehr darüber zu erfahren, wie wir Cookies verwenden und wie Sie Cookies verwalten können.

OK