Systembau in der Schweiz
– Vielfalt in Serie

Seriell gefertigte Bauten aus vorfabrizierten Elementen, vor Ort auf der Baustelle zusammengesetzt, prägen seit der Nachkriegszeit die Architektur in ganz Europa. Während der 1960er- und 1970er-Jahre, in der Zeit eines noch nie dagewesenen Bevölkerungswachstums, erlebte der Systembau auch in der Schweiz eine Blütezeit. Die Anfänge hingegen liegen weiter zurück: Bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden auf der Grundlage von Bausystemen Wohnhäuser und Siedlungen, Schulen, Kindergärten und Kirchen, Gewerbe- und Industriehallen, Verkehrs-, Sport- und Gesundheitsbauten, die noch heute einen grossen Teil des Baubestands ausmachen.

Gesellschaftliche Herausforderungen angehen – mit einer neuen Architektur

Je sichtbarer Systembauten im Stadt- und Landschaftsbild wurden, umso mehr gerieten sie ins Kreuzfeuer der Kritik. Etwa, indem man in ihnen einen der Gründe für die damals vielzitierte Monotonie der Städte zu sehen glaubte. Und dennoch ist die Geschichte des Systembaus die Geschichte guter Absichten, mit denen Architektinnen, Ingenieure und Generalunternehmungen darauf abzielten, Baukosten und Bauzeiten mithilfe der Vorfertigung und Standardisierung von Bauelementen zu senken und so der wachsenden Bevölkerung erschwingliche Wohnungen und zweckdienliche Infrastrukturbauten zu verschaffen. Sie alle einte eine Aufgeschlossenheit gegenüber technischer Innovation, ein ökonomisches Bewusstsein und der Wille zur Auseinandersetzung mit neuen gesellschaftlichen Herausforderungen.

Bürobauten des Eidgenössischen Kriegs-Industrie- und Arbeitsamts im Berner Marzili-Quartier, errichtet mit dem Bausystem Durisol, 1942. Bild: Schweizerische Bauzeitung, 1943.
Das 1973–1974 errichtete Mehrfamilienhaus an der Buchholzstrasse in Zürich-Witikon ist eines von über 300 Ketten- und Hochhäusern, die von der Ernst Göhner AG allein im Kanton Zürich errichtet wurden. Bild: Melanie Wyrsch.

Die Vielfalt der Bausysteme

Das Phänomen Systembau begann mit der kriegsbedingten Materialknappheit sowie der Herstellung von Holzzementbaracken zu Bürozwecken und entwickelte sich während der Hochkonjunktur zu einem lukrativen Wirtschaftszweig im Baugewerbe. In der Schweiz begnügte man sich nicht mit der Lizenzierung von im Ausland erprobten Bausystemen, sondern kreierte eigene, auf landes- und regionsspezifische Bedürfnisse ausgerichtete Systembauten. Holzbaubetriebe entwickelten sich nach und nach zu Generalunternehmungen und erweiterten ihr Portfolio um katalogfertige Einfamilienhäuser und Schulbauten. Betonelementfabriken schossen wie Pilze aus dem Boden und produzierten Wände, Decken- und Fassadenelemente für soziale und spekulative Wohnbauprojekte gleichermassen. Neben Fritz Hallers Stahlskelettbausystem, das international wohl bekannteste Schweizer Bausystem, entstanden dutzende andere, manchmal universell anwendbare, manchmal auf ganz bestimmte Bautypen zugeschnittene Systeme.

Die Dachkonstruktion des Hallenbads in Zürich Altstetten beruht auf einem Flächentragwerk aus Stäben und Kugelknoten des MERO-Bausystems. Das äusserst flexibel anwendbare System wurde europaweit auch für die Überspannung von Kirchenräumen, Markt- und Industriehallen und sogar Sportstadien genutzt. Bild: Betriebsgenossenschaft Hallenbad Altstetten.
Der Kindergarten Wolfsmatt in Zürich Dietikon ist ein gut erhaltener Vertreter des speziell für den Bau von Kindergärten und Schulen entwickelten Bausystems «Programm 58» von Variel. Der Pavillon besteht aus zehn aneinandergereihten Raumelementen, …
… die in den Werken der Firma Elcon AG mitsamt Innenausbau hergestellt und mit Tiefladern zur Montage auf die Baustelle geliefert wurden. Bilder: Anne-Catherine Schröter / Das Werk, 1959.
Der Doppelkindergarten in der Überbauung Halde in Schlieren ist ein Beispiel für ein vorfabriziertes Leichtbausystem aus Aluminium. Bild: Archäologie und Denkmalpflege Kanton Zürich.
Das Bausystem der Element AG, mit welchem zwischen 1967 und 1973 im westlichen Schweizer Mittelland über 15'000 Wohnungen errichtet wurden, war spezifisch auf die Bedürfnisse des sozialen Wohnungsbaus ausgerichtet. So auch die Überbauung Gyrischachen in Burgdorf BE. Bild: Raphael Sollberger.
Die mit dem von Fritz Haller entwickelten Stahlskelettbausystem «Midi» errichteten Schul- und Wohnpavillons des Centre Loewenberg in Murten FR zählen zu den bekanntesten Schweizer Systembauten. Bild: Oliver Marc Hänni.

Ein Buch bewertet den Systembau neu

Im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts hat sich die Arbeitsgruppe System & Serie des ICOMOS Suisse aus verschiedenen Blickwinkeln mit der Geschichte des Systembaus in der Schweiz auseinandergesetzt. Im November 2022 erschien in Zusammenarbeit mit dem gta Verlag der ETH Zürich das Buch «Systembau in der Schweiz – Geschichte und Erhaltung» als Abschlusspublikation des Forschungsprojekts.

Die Arbeitsgruppe suchte in einem ersten Schritt schweizweit nach Systembauten und erfasste sie in einem Werkverzeichnis, um sich ein Bild vom Umfang des Forschungsgegenstands zu machen. In einem zweiten Schritt untersuchte sie ausgewählte Bausysteme hinsichtlich ihres konstruktiven, bauphysikalischen und statischen Zustands und bettete die mit ihnen errichteten Bauten in einen geschichtlichen Kontext ein. Diese Untersuchungen ermöglichten es den Forschenden, die architektur- und sozialhistorische Bedeutung dieser zuvor lange vernachlässigten Architekturströmung herauszuarbeiten und Bewertungskriterien hinsichtlich des Denkmalwerts der Bauten zu definieren. Ebenso wurden konkrete Fragen und spezifische Herausforderungen diskutiert, die sich bei der Erhaltung, Ertüchtigung und der Weiternutzung von Systembauten ergeben.

Das Buch enthält neben wissenschaftlichen Essays, Porträts von Schweizer Bausystemen und hierzulande errichteter Systembauten, einem Glossar und einem Personenverzeichnis auch ein umfassendes Werkverzeichnis und kann ab sofort beim gta Verlag bestellt werden.

Weitere Informationen und Kurzporträts wichtiger Systembauten finden sich hier: www.system-serie.ch

Der Exot unter den Schweizer Bausystemen: Die charakteristischen, von Ingenieur Heinz Isler entwickelten Betonschalendächer …
… wurden zusammen mit den von der Eschmann AG in Thun hergestellten Kunststoffkuppeln in grosser Serie hergestellt und landesweit zur Überdachung von Gewerbe- und Industriehallen genutzt. Bilder: Oliver Marc Hänni.

ICOMOS Suisse

Arbeitsgruppe System & Serie

System & Serie. Systembau in der Schweiz – Geschichte und Erhaltung

Bestellen unter www.system-serie.ch

​Mit Beiträgen von André Barthel, Christine Bickel, Elin Elmiger, Andreas Galmarini, Karim Ghazi Wakili, Lucia Gratz, Isabel Haupt, Silke Langenberg, Viviane Mathis, Hans-Rudolf Meier, Sarah M. Schlachetzki, Tino Schlinzig, Anne-Catherine Schröter, Rainer Schützeichel, Raphael Sollberger, Corinne Spielmann, Thomas Stahl, Laurent Stalder, Eva Stricker, Georg Vrachliotis, Fanny Vuagniaux, Angela Wohleser, Lukas Zurfluh

​Redaktion: Ulrike Steiner und Raphael Sollberger
Fotografien von Oliver Marc Hänni und Raphael Sollberger
Gestaltet von Nadine Rinderer

Zürich: gta Verlag, 2022.
Printausgabe: Fr. 49.00
​21 × 28 cm, Broschur, 208 Seiten, 176 Abbildungen
ISBN 978-3-85676-428-9

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Verfasst von:

Raphael Sollberger

Raphael Sollberger

Raphael Sollberger, Architekturhistoriker aus Bern, arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der kantonalen Denkmalpflege Zürich. Er revidiert und ergänzt das Inventar der Denkmalschutzobjekte von überkommunaler Bedeutung und und berät Gemeindebehörden bei der Erstellung ihrer kommunalen Inventare.

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