Mit dem Bagger auf Spurensuche

Baggersondierungen sind eine bewährte und effiziente Methode zur Abschätzung des archäologischen Potenzials einer Fläche. Wo, warum und wie gräbt die Kantonsarchäologie mit dem Bagger den Boden um?

Im letzten Sommer hat die Kantonsarchäologie an zahlreichen Stellen Baggersondierungen durchgeführt. Vielleicht haben Sie sogar schon eine gesehen: ein Feld, auf dem in regelmässigen Abständen viel zu gross geratene Maulwurfshügel liegen. Dazu ein Bagger und eine Person in oranger Leuchtweste, die konzentriert auf den Boden und die Baggerschaufel schaut. Warum machen die das? Was sind Baggersondierungen und wo, warum und wie werden sie durchgeführt?

Damit eine Fläche für eine Sondierung mit dem Bagger in Frage kommt, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Erstens müssen im Boden archäologische Fundstellen vermutet werden, zum Beispiel, weil sich die Fläche in einer archäologischen Zone befindet. Die archäologischen Zonen sind öffentlich und können auf dem GIS-Browser eingesehen werden. Zweitens müssen Erdbewegungen geplant sein, zum Beispiel, weil dort eine Strasse, ein Haus oder ein Installationsplatz gebaut wird. Die potenzielle Fundstelle muss also akut gefährdet sein.

Überdimensionale Maulwurfshügel in Wiesendangen, rechts im Hintergrund der Bagger. Foto: Kantonsarchäologie Zürich.

Ausgraben, abwarten oder sondieren?

Bei Flächen, die die oben genannten Bedingungen erfüllen, stehen wir häufig vor der Frage, wie wir vorgehen sollen. Sofort eine grosse Ausgrabung mit Personal und Infrastruktur zu organisieren kann heikel sein: Bestehen nur Vermutungen oder lässt sich die archäologische Fundstelle nur ungenau lokalisieren, wäre das eine unzulässige Verschwendung von Ressourcen.

Die andere Möglichkeit wäre zu warten und erst dann zu untersuchen, wenn das Bauprojekt beginnt und die grossen Bagger anrollen. Aber auch das kann riskant sein: Sollte es bedeutende archäologische Spuren im Boden haben, könnte es zu Bauverzögerungen kommen, damit die Fundstelle noch rechtzeitig vor der Zerstörung untersucht werden kann. Das will die Kantonsarchäologie im Interesse aller Beteiligten wenn immer möglich verhindern. Genau in solchen Situationen helfen Baggersondierungen. Sie erlauben es, das archäologische Potenzial einer Fläche frühzeitig abzuklären – noch bevor der Bau anfängt.

Bereits wieder zugefüllte Sondierschnitte auf einer Wiese in Zürich-Lengg. An dieser Stelle wird zurzeit das neue Kinderspital gebaut. Foto: Kantonsarchäologie Zürich.

Minimalinvasive Einblicke in den Boden

Das Konzept ist simpel: Es werden auf der ganzen Fläche systematisch Löcher gemacht, die uns Einblicke in den Boden ermöglichen. Diese Löcher – wir sprechen von «Schnitten» oder «Sondierungen» – sind in der Regel etwa einen Meter breit (so breit wie eine Baggerschaufel) und ungefähr 5 Meter lang (so weit, wie der Baggerarm greifen kann). Vorsichtig geht die Baggerschaufel immer wieder in den gleichen Schnitt und nimmt jedes Mal eine 5–10 cm dicke Schicht Erde heraus. Ein Archäologe oder eine Archäologin steht daneben und schaut, ob es Hinweise auf archäologische Spuren gibt. In der Regel sind das:

  • Auffällige Verfärbungen im Boden
  • Nicht natürliche Ansammlungen von Steinen
  • Erhöhte Konzentrationen von Holzkohle
  • Fundobjekte aller Art (Keramik, Steinwerkzeuge, Metallgegenstände etc.)
Konzentriert schaut der Archäologe, ob der Bagger allenfalls etwas archäologisch Interessantes freilegt. Foto: Kantonsarchäologie Zürich.
In diesem Sondierschnitt wurde eine nicht natürlich entstandene Steinkonzentration entdeckt, die von einem Mitarbeiterin sogleich sorgfältig freigelegt wird. Foto: Kantonsarchäologie Zürich.

Sind die Schnitte bis auf den geologisch anstehenden Untergrund abgetieft, wird ein Ausschnitt der Wand mit einer Kelle geputzt, damit im Profil die einzelnen Schichten gut erkennbar werden. Dieser Ausschnitt wird fotografiert und die Schichten kurz beschrieben. Wichtig ist auch das genaue Einmessen des Schnittes, meistens mit einem GPS.

Mit einer Kelle wird ein Ausschnitt des Profils gereinigt. Foto: Kantonsarchäologie Zürich.
Der geputzte Ausschnitt wird auch mit Worten beschrieben und kurz skizziert. Foto: Kantonsarchäologie Zürich.

Danach wird der Sondierschnitt in der Regel aus Sicherheitsgründen noch am gleichen Tag wieder zugeschüttet. Der wertvolle Humus wird schon beim Öffnen separiert und kommt am Schluss als letzte Schicht oben drauf. So ist garantiert, dass das Feld aus landwirtschaftlicher Sicht keinen Schaden nimmt.

Die Schnitte werden in der Regel in einem Abstand von rund 20 Metern zueinander angelegt. Dies hat sich als gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis herausgestellt, um eine Fläche effektiv, zügig und gleichzeitig gründlich abzusuchen. Je nach Situation können auch andere Sondiermethoden wie Luftbildprospektion, Georadar oder Feldbegehungen zur Anwendung kommen. Für eine Baggersondierung braucht es eine Archäologin, einen Ausgräber (zum Beruf des Ausgräbers gibt es hier einen Beitrag) und einen Bagger samt Baggerführer. Ein eingespieltes Team schafft zwischen sieben und zehn Schnitte pro Tag. So lassen sich auch grosse Flächen rasch und mit vergleichsweise geringem Personalaufwand absuchen.

Mit Baggersondierungen können grosse Flächen relativ rasch abgesucht werden. Der Humus (kleiner Haufen) wird vom eigentlichen Aushub (grosser Haufen) separiert. Die Schnitte auf der linken Bildseite sind bereits wieder verfüllt. Foto: Kantonsarchäologie Zürich.

Bedeutende Fundstellen entdeckt

Nach Abschluss der Sondierungen werden die Ergebnisse analysiert und man bespricht sich mit Kolleginnen und Kollegen. Kann das Gelände für den Bau freigegeben werden oder ist eine Detailuntersuchung oder Rettungsgrabung notwendig? Dank solcher Sondierungen konnten in den letzten Jahren zahlreiche bedeutende, zuvor nicht bekannte archäologische Fundstellen entdeckt werden. Zum Beispiel eine urgeschichtliche Siedlung am Greifensee, keltische Gräber am Gubrist und eine römische Strasse in Wiesendangen.

 

In Wiesendangen wurde im Frühling 2020 eine römische Strasse entdeckt. Gut sichtbar in der Wiese sind noch die zugeschütteten Gräben der Baggersondierung. Auslöser für die Untersuchung war der geplante Bau der Deponie Ruchegg. Foto: Kantonsarchäologie Zürich.

Zum Schluss

Ich hoffe, ich konnte Ihnen das Thema Baggersondierungen etwas näherbringen. Wenn es Unklarheiten oder sonst Fragen gibt, schreiben Sie doch bitte einen Kommentar – ich werde mich bemühen, alle Anfragen zeitnah zu beantworten. Natürlich freue ich mich auch über Lob, Kritik oder sonstige Anregungen.

Bei Interesse könnte dieser Beitrag auch der Auftakt zu einer losen Reihe über Vorgehen, Methoden und Techniken in der Archäologie sein. Falls Sie an weiteren derartigen Artikeln Interesse haben, schreiben Sie das bitte unten in die Kommentare.

Dann bleibt mir jetzt nur noch, Sie darum zu bitten, diesen Beitrag fleissig zu teilen via Mail, WhatsApp, Telegram, Facebook, Twitter, Instagram oder was Ihnen sonst noch so einfällt. Ich bedanke mich ganz herzlich für die Aufmerksamkeit und hoffentlich bis bald auf diesem Blog!

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Verfasst von:

Daniel Möckli

Daniel Möckli

Bis 2015 Studium der prähistorischen Archäologie an der Uni Zürich. Seit 2017 wissenschaftlicher Projektleiter bei der Kantonsarchäologie Zürich.

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