«Alles, was dem Toten lieb war, werfen sie auf den Scheiterhaufen» – keltische Gräber am Gubrist entdeckt

Bevor die Bagger den Installationsplatz für den Bau der 3. Gubrist-Röhre planiert haben, hat die Kantonsarchäologie das Gebiet von 2008 bis 2014 archäologisch untersucht. Jetzt liegt die Auswertung dieses Grossprojekts vor. Der Bericht offenbart Erstaunliches: Zu Caesars Zeiten haben an der «Goldküste des Katzensees» die Eliten der Helvetier gelebt.

Die Entdeckung von Gräbern und Siedlungsresten aus dem 2. und 1. Jh. v.Chr. war eine grosse Überraschung. Fundstellen aus dieser Epoche, der jüngeren Eisenzeit, sind im Furttal bisher noch praktisch unbekannt. Es ist die Zeit der Kelten. Als Helvetier kennen wir sie durch den römischen Feldherrn Gaius Julius Caesar, der in seinem Bericht über den gallischen Krieg ihren Auszug aus dem Gebiet der heutigen Schweiz und ihre Niederlage in der Schlacht bei Bibracte beschreibt. Im Jahr 58 v.Chr. mussten die Helvetier kapitulieren und wurden von Caesar in ihr Stammesgebiet zurückgeschickt. Am Gubrist sind nun vielleicht die Gräber genau jener Helvetier entdeckt worden, die auf der Suche nach neuem Lebensraum nach Südwesten ins heutige Frankreich ausgewandert waren und von Caesar wieder zurück nach Hause geschickt wurden.

Bestattungsplatz einer keltischen Elite

Bei den Ausgrabungen kamen am Gubrist vier Körper- sowie acht Brandgräber (Kremationen) mit den Resten reicher Grabbeigaben zum Vorschein. Bemerkenswert sind drei grosse Konstruktionen aus gesetzten Steinen, die wir als Fundamente von Grabdenkmälern deuten. Sie bezeichnen vermutlich den Bestattungsort herausragender Persönlichkeiten. Die Fundamente sind einzigartig – bis heute wurde noch nichts Vergleichbares gefunden.

Von grosser wissenschaftlicher Bedeutung sind die Brandgräber. Ab ca. 150 v.Chr. beginnt man im Gebiet der heutigen Schweiz, die Toten zu verbrennen. Gräber aus diesem vorrömischen Zeitabschnitt sind sehr selten, Bestattungen von Angehörigen einer «adeligen» Elite, wie wir sie am Gubrist gefunden haben, noch nahezu unbekannt. Mehrere Gräber zeichnen sich durch äusserst wertvolle Beigaben aus, die allerdings im Feuer des Scheiterhaufens verbrannten und nur fragmentarisch erhalten sind.

Mitsamt den Pferden verbrannt und bestattet

In einem der Gräber wurde eine Urne mit den Überresten eines Mannes bestattet. Neben der Urne finden sich verbrannte Schweineknochen und die Knochen von zwei Pferden. Während erstere wohl als Speisebeigabe zu deuten sind, dürften die Pferde ihren Herrn auf seinem letzten Weg begleitet haben. Verschiedene weitere Funde legen nahe, dass es sich nicht nur um Pferde, sondern um das ganze Gespann eines zweirädrigen Wagens handelt: verbrannte Teile von Trensenknebeln aus Geweih, Teile von Führungsringen und Reste der Verzierung des Jochs aus Bronze und Eisen.

So präsentierte sich das Brandgrab auf der Ausgrabung: im Innern die Urne mit den verbrannten Überresten des Bestatteten, in der Brandschüttung darum herum Pferde- und Schweineknochen sowie Teile des Pferdegeschirrs. Foto: F. Tuchschmid, Kantonsarchäologie Zürich.
Die Restauratorinnen der Kantonsarchäologie rekonstruierten die Urne im Labor. Foto: Martin Bachmann, Kantonsarchäologie Zürich.
Die im Brandgrab gefundenen Trensenteile sind aus Geweih gefertigt. Foto: Martin Bachmann, Kantonsarchäologie Zürich.
Die beiden im Feuer geschmolzenen Bronzeobjekte stammen vermutlich von einem oder zwei Führungsringen. Sie waren am Joch befestigt und führten die Lederriemen von den Trensen der Zugpferde zur Hand des Wagenlenkers. Foto: Martin Bachmann, Kantonsarchäologie Zürich.

Alles, was dem Toten vermutlich lieb war, werfen sie auf den Scheiterhaufen, auch Tiere und bis vor kurzem noch Sklaven und Clienten, von denen feststand, dass der Tote sie geliebt hatte.

Gaius Julius Caesar (100–44 v.Chr.)

Joch und Anschirrung aus dem Brandgrab am Gubrist müssen damals beeindruckend ausgesehen haben. Die Verzierung aus Bronze hob sich vom Holz des Jochs metallisch glänzend ab, das Geweih der Trensenknebel wirkte wie Elfenbein. Man kann sich gut vorstellen, wie der Verstorbene auf seinem prachtvollen Wagen von den Pferden auf den Bestattungsplatz gezogen wurde. Wahrscheinlich wurde der Leichnam noch einige Zeit auf einem Totengerüst aufgebahrt und dann zusammen mit den geopferten Pferden, die noch das Geschirr anhatten, auf einem grossen Scheiterhaufen verbrannt. Die verbrannten Knochen und Teile des Geschirrs wurden dann aus den Überresten des Scheiterhaufens ausgelesen und in einer Grube begraben.

Die archäologischen Befunde vom Bestattungsplatz am Gubrist belegen somit ein komplexes Begräbnisritual, in das Julius Caesar einen kleinen Einblick gibt. Im 6. Buch des Bellum Gallicum schreibt er über das Begräbnis eines verstorbenen keltischen Familienoberhaupts aus hohem Stand: «Die Begräbnisse sind im Verhältnis zur sonstigen gallischen Lebensweise sehr prächtig und aufwändig. Alles, was dem Toten vermutlich lieb war, werfen sie auf den Scheiterhaufen, auch Tiere und bis vor kurzem noch Sklaven und Clienten, von denen feststand, dass der Tote sie geliebt hatte. Nach den feierlichen Beerdigungsriten werden sie zusammen mit dem Verstorbenen verbrannt.»

Frauengrab mit Huhn, Hase und kostbarer Bronzepfanne

Im einem weiteren Grab wurde wahrscheinlich eine Frau bestattet. Knochen von Geflügel, die im Grab gefunden wurden, legen dies zumindest nahe. Später, in römischer Zeit, wurde Geflügel vor allem den Frauen als Wegzehrung ins Jenseits mitgegeben. Bemerkenswert sind auch Knochen von einem Hasen, dem einzigen Wildtier, das in den Gräbern bei Regensdorf nachgewiesen werden konnte. Die Jagd war den Angehörigen der Oberschicht vorbehalten. Dies unterstreicht die besondere Stellung der hier bestatteten Person.

Mit der Toten hatte man zudem Keramik- und Bronzegeschirr verbrannt. Zahlreiche geschmolzene Bronzebleche und ein Griff-Endstück in Form eines Vogelkopfs sind Reste einer römischen Bronzepfanne aus dem 1. Jh. v.Chr. Das kostbare Gefäss war aus dem Süden importiert oder als Geschenk über die Alpen nach Regensdorf gelangt.

Das Endstück des Griffs einer römischen Bronzepfanne aus dem 1. Jh. v.Chr. wurde im Grab gefunden. Foto: Martin Bachmann, Kantonsarchäologie Zürich.
Zeichnung einer Bronzepfanne, wie sie einer im 1. Jh. v.Chr. beim Gubrist bestatteten Frau mit auf den Scheiterhaufen geben wurde. Das im Grab gefundene Endstück des Griffs ist blau umrandet.

Römische Öllampe leuchtet den Weg ins Jenseits

In einem weiteren bemerkenswerten Brandgrab kamen neben Pferdeknochen die Scherben einer Öllampe zum Vorschein. Solche Lampen wurden ebenfalls aus dem Süden importiert, nördlich der Alpen sind sie sehr selten. In Gräbern weisen Lampen auf römische Jenseitsvorstellungen hin. Öllampen waren traditionelle Grabbeigaben bei den Römern und sollten den Verstorbenen im Jenseits Licht spenden.

Das Grab wurde wahrscheinlich Mitte des 1. Jh. v.Chr. angelegt. Es handelt sich um das jüngste keltische Grab von der Fundstelle am Gubrist. Vielleicht ist die hier bestattete Person sogar erst nach der Schlacht bei Bibracte im Jahr 58 v.Chr. verstorben, in einer Zeit, als der römische Einfluss in der heutigen Schweiz immer stärker spürbar wurde.

Oben links: Fragmente einer Öllampe aus dem Grab am Gubrist. Solche Lampen sind nördlich der Alpen sehr selten. Ein grösseres Fragment wurde in Rheinau gefunden (rechts). Foto: Martin Bachmann, Kantonsarchäologie Zürich.

Römisch inspirierte Grabmonumente aus keltischer Zeit

Drei grosse, dicht mit Steinen verfüllte Gruben im Bereich des Bestattungsplatzes sind als Fundamente zu deuten, die Aufbauten unbekannter Form getragen haben. Aus Italien kennen wir Grabmonumente mit ähnlichen Grundrissen. Im 1. Jh. n.Chr. sind solche Monumente zum Beispiel auch in Avenches errichtet worden, dem römischen Aventicum, der Hauptstadt des alten Helvetiergebiets. Da am Gubrist im Umfeld der Fundamente aber römische Gräber fehlen, ist zu vermuten, dass die Grabmonumente zu den reich ausgestatteten keltischen Gräbern gehören.

Die hier bestattete keltische Elite hatte Kontakte in den Süden, wie die in den Gräbern gefundenen Importe zeigen. Die Öllampe belegt zudem, dass ihnen die römischen Jenseitsvorstellungen bekannt waren. Der Schluss liegt nahe, dass bereits in spätkeltischer Zeit für einzelne hochgestellte Persönlichkeiten Grabdenkmäler errichtet wurden, die aus Rom bekannte Architekturformen nachahmten. Die Grabbauten waren weitherum sichtbar und erinnerten die Vorübergehenden an die dort bestatteten Persönlichkeiten. Solche Grabbauten aus keltischer Zeit sind nördlich der Alpen bisher einzigartig.

Das am Gubrist entdeckte Fundament gehörte mutmasslich zu einem keltischen Grabmonument. Foto: Ch. Hégelé, Kantonsarchäologie Zürich.

Kelten am Gubrist – die von Caesar beschriebene Führungsschicht der Helvetier?

Es wäre natürlich spannend zu wissen, wo und wie die im Areal bestatteten Menschen gelebt haben. Bei den Ausgrabungen sind die Spuren einer regen Siedlungstätigkeit in der Nähe des Bestattungsplatzes zum Vorschein gekommen. Pfostengruben, verbrannte Keramikscherben, eine keltische Münze und Hinweise auf den Konsum von importiertem Wein deuten wir als Überbleibsel eines keltischen Gehöfts. Es wurde bereits verschiedentlich vermutet, dass die Angehörigen der keltischen Oberschicht in separaten Gehöften nahe der Siedlungszentren wohnten. Solche Gehöfte werden auch von Caesar beschrieben.

Der Fund einer keltischen Münze nahe der Grabstätten belegt – neben anderen Funden – die Siedlungstätigkeit in der Nähe der Bestatteten. Es handelt sich um einen sogenannten Sequaner-Potin, abgebildet ist die Vorder- und Rückseite. Foto: Martin Bachmann, Kantonsarchäologie Zürich.

Die in den Gräbern am Gubrist gefundenen Teile der Anschirrung von Pferdegespannen und das wertvolle importierte Bronzegeschirr kennzeichnen Vertreter der obersten Gesellschaftsschicht. Vergleichbare Gräber wurden bisher einzig in Frasses im Kanton Freiburg gefunden. An beiden Orten handelt es sich um kleine Grabgruppen, die einige Kilometer entfernt von den grösseren Zentralorten, den Oppida, angelegt wurden. Das mutmassliche Gehöft am Gubrist befand sich im Umfeld des nur 7,5 km südöstlich der Fundstelle gelegenen Oppidums in Zürich. Es ist denkbar, dass die in Regensdorf fassbare Elite in dieser Zentralsiedlung eine führende Rolle gespielt hat. Die am Gubrist entdeckten Gräber und die mutmasslichen Grabdenkmäler wären damit der obersten Führungsschicht der Helvetier zuzuordnen. Am Gubrist dürften also helvetische Adelige, Vertreter der nobilissimi, bestattet worden sein, wie sie Caesar im Bellum Gallicum beschreibt.

Entscheidend für diese Elite war die Nähe zu wichtigen Verkehrsachsen und den politischen Zentren. Eine dieser Achsen verläuft seit mindestens 2000 Jahren am Südrand des Furttals. Heute ist die nahe Autobahn, die zurzeit auf sechs Spuren ausgebaut wird, ein wichtiger Standortvorteil. Sie hat letztlich auch dazu geführt, dass wir die überraschend reichhaltige Geschichte dieses Platzes erzählen können.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Beat Horisberger, Keltische und römische Eliten im zürcherischen Furttal. Gräber, Strassen und Siedlungen von der Frühbronzezeit bis in die Neuzeit: Ergebnisse der Rettungsgrabungen 2009–2014 in Regensdorf-Geissberg/Gubrist. Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 53 (Zürich/Egg 2019).
  • Beat Horisberger, Keltische Adelige und römische Gutsherren am Gubrist. In: Regan Zunftblatt 2020, herausgegeben von der Landzunft Regensdorf, S. 2–9.
  • Gaius Julius Caesar, De bello Gallico.

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Verfasst von:

Beat Horisberger

Beat Horisberger

Beat Horisberger ist Archäologe und arbeitet als Fachbereichsleiter Römische Zeit und stellvertretender Ressortleiter Archäologische Projekte bei der Kantonsarchäologie Zürich.

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