Ein UFO im Zürcher Unterland – Das Wohnhaus Schaad in Eglisau

Das 1929 errichtete Wohnhaus Schaad in Eglisau ist ein einzigartiges Werk von herausragender architektonischer Bedeutung im Zürcher Unterland. Durch seine Formsprache hebt es sich deutlich von den Bauten des mittelalterlichen Städtchens und den bäuerlich geprägten Dörfern der Umgebung ab. In seiner radikal modernen Architektursprache verkörpert es die Grundsätze des Neuen Bauens.

Westlich der Altstadt von Eglisau verläuft die stark befahrene Schaffhauserstrasse. Sie durchquert ein Wohnquartier, in dem mehrstöckige Ein- und Mehrfamilienhäuser Seite an Seite nebeneinanderstehen. Unter diesen fällt das 2021 im Inventar der Denkmalschutzobjekte von überkommunaler Bedeutung festgesetzte Wohnhaus Schaad heute kaum mehr auf. Als es im Jahr 1929 gebaut wurde, rückte es jedoch schnell in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Das damals ungewöhnliche, mit einem mennigroten Rostschutzanstrich versehene Stahlskelett war fiel auf. Insbesondere den Zugreisenden, die es vom Eisenbahnviadukt aus erblicken konnten. Jahrzehnte später berichtete Emil Walthard, Vorstandsmitglied des Zürcher und des Schweizer Heimatschutzes, dass er damals mit seinem Vater eigens nach Eglisau gereist sei, um den aussergewöhnlichen Bau aus nächster Nähe zu betrachten.

Die Aufnahme von 1929 zeigt die aus einem Stahlskelett bestehende Tragkonstruktion und das Eisenbahnviadukt im Hintergrund. Foto: Privatarchiv Familie Schaad

Das Gebiet westlich des Ortskerns von Eglisau war Ende der 1920er-Jahre noch weitgehend von Wiesen und Reben bedeckt. Nur vereinzelt standen dort neu errichtete Wohnhäuser, meist in moderat klassizistischer Architektursprache. Mit seinen schlichten Fassaden, dem charakteristischen Flachdach, den grossflächigen Fensterfronten und den filigranen, metallenen Fensterprofilen wirkte das Wohnhaus Schaad in dieser Umgebung wie aus einer anderen Welt. Es ist bis heute der einzige bekannte Zeuge des Neuen Bauens im Zürcher Unterland.

Pionierbau des Neuen Bauens

Klare Linien statt verspieltem Dekor, Funktion vor Form: Das Neue Bauen brach radikal mit den Architekturvorstellungen der Vergangenheit. Die Bewegung entstand unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg als Antwort auf Wohnungsnot, gesellschaftliche Veränderungen und technische Fortschritte. In den 1920er-Jahren erreichte das Neue Bauen seinen Höhepunkt. Es war eng verbunden mit der 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründeten Bauhaus-Bewegung, die eine neue Gestaltungskultur entwickelte, die Architektur, Kunst und Handwerk miteinander verknüpfte. Ausgehend von Zentren wie Dessau, Berlin und Stuttgart verbreiteten sich die Ideen des Neuen Bauens auch in die Nachbarländer, insbesondere in die Schweiz, die Niederlande und die Tschechoslowakei. Im Mittelpunkt standen Effizienz, Funktionalität und die Anpassung der Architektur an die Bedürfnisse des modernen Menschen. Flachdächer, grosszügige Fensterflächen, offene Grundrisse und neuartige Materialien wurden zu Sinnbildern einer neuen Ära.

Institutionen wie der 1913 gegründete Schweizerische Werkbund (SWB) und die Zeitschrift Das Werk förderten die Auseinandersetzung mit moderner Gestaltung und Architektur in der Schweiz. Zürich entwickelte sich dabei zu einem wichtigen Zentrum der architektonischen Moderne. Prägend waren dabei unter anderem die Architekturabteilung der ETH Zürich und die dort lehrenden Persönlichkeiten wie Karl Moser, Otto Rudolf Salvisberg, Werner Moser und Alfred Roth. Mit der Gründung der Congrès Internationaux d’Architecture Moderne (CIAM) 1928 vernetzten sich die Akteure des Neuen Bauens international.

Die 1928 errichteten Musterhäuser zur Ausstellung «Das neue Heim», Architekt: Max Ernst Haefeli. Foto: Baugeschichtliches Archiv BAZ

In diesem Umfeld entstand 1929 das Wohnhaus Schaad in Eglisau, das damit zu den ersten Beispielen des Neuen Bauens im Kanton Zürich zählt. Nur ein Jahr zuvor waren in Zürich mit den von Max Ernst Haefeli entworfenen Rotach-Häusern erste Musterbauten dieser Richtung entstanden. Die Musterhäuser wurden im Zusammenhang mit der Ausstellung «Das neue Heim» errichtet, die 1927 im Zürcher Kunstgewerbemuseum gezeigt wurde. Sie dienten der Verbreitung neuer Bau- und Wohnvorstellungen und veranschaulichten die Prinzipien des Neuen Bauens in exemplarischer Weise.

Mehrfamilienhaus im Doldertal, Teil einer 1932–1936 erbauten Anlage mit zwei Mehrfamilienhäusern, Architekten: Marcel Breuer mit Alfred und Emil Roth. Foto: Baugeschichtliches Archiv BAZ

Weitere bedeutende Bauten folgten, darunter die Werkbundsiedlung Neubühl (1930–1932), das Zett-Haus (1930–1932) von Carl Hubacher und Rudolf Steiger, das Gebäude der Zürcher Kunstgewerbeschule und des Kunstgewerbemuseums (1930–1933) von Adolf Steger und Karl Egender sowie später die Doldertalhäuser (1932–1936) von Alfred und Emil Roth und Marcel Breuer. Während solche Bauten in der Stadt Zürich zunehmend Verbreitung fanden, blieb das Wohnhaus Schaad in der ländlich geprägten Umgebung von Eglisau ein Einzelfall.

Im Jahr 1946, also 17 Jahre nach seiner Errichtung, wirkt das Wohnhaus Schaad (in der Bildmitte) weiterhin als architektonischer Solitär inmitten traditioneller Walm- und Satteldächer. Foto: ETH-Bibliothek Zürich Bildarchiv

Neue Materialien und Konstruktionstechniken

Das Wohnhaus Schaad verkörpert die Grundprinzipien des Neuen Bauens nicht nur durch seine äussere Erscheinung, sondern ebenso durch die konsequente Verwendung moderner Materialien und Konstruktionstechniken. Für den Rohbau und den Innenausbau kamen innovative Werkstoffe zum Einsatz. Die Wände und Decken wurden aus Bimsbeton-Rohrplatten gefertigt – vorgefertigten Leichtbauelementen, die insbesondere im modernen Wohnungsbau des 20. Jahrhunderts verbreitet waren. Die Kellerdecken bestanden aus Tonhohlplatten, die wegen ihrer Leichtigkeit, Wärmedämmung und Tragfähigkeit seit dem späten 19. Jahrhundert zunehmend eingesetzt wurden.

Perspektivischer Aufriss des Wohnhauses Schaad, vermutlich 1929. Plan: Privatarchiv Familie Schaad

Auch die technische Ausstattung entsprach dem Anspruch einer modernen Wohnform. Statt der ursprünglich geplanten Kohleheizung wurde eine Ölheizung der Marke Prior aus Lugano eingebaut, eines der frühen Ölheizsysteme für Kleinhaushalte. Bei den Fenstern beschritt der Architekt ebenfalls neue Wege: Die filigranen Metallprofile ermöglichten grosszügige Glasflächen. Auf traditionelle Fensterläden wurde bewusst verzichtet. Das weit auskragende Vordach übernahm eine funktionale Aufgabe, indem es im Sommer das Obergeschoss beschattete und im Winter bei tiefstehender Sonne die Innenräume erwärmte. Lediglich im Wohngeschoss kamen Holzrollläden mit Lichtschlitzen zum Einsatz.

Verlegeplan der Klinkerfliesen im Treppenhaus, datiert auf den 24.02.1930. Plan: Privatarchiv Familie Schaad

Die Innenräume folgten ebenfalls den Prinzipien des Neuen Bauens und verbanden Funktionalität mit einer sorgfältigen Material- und Farbgestaltung. Im Treppenhaus wurden die seit Langem etablierten Klinkerfliesen verlegt, ein Material, das aufgrund seiner Robustheit und seines ästhetischen Ausdrucks in der modernen Architektur geschätzt wurde. Das Wohnzimmer erhielt ein hochwertiges Buchenholzparkett, während die übrigen Räume mit dem neuartigen Linoleum der Marke Marboleum ausgestattet wurden. Farbige Stofftapeten prägten die Atmosphäre der Räume: ein warmes Beige im Wohnzimmer, ein leuchtendes Gelb im Esszimmer und ein Blau im Elternschlafzimmer. In den Nebenräumen kamen dezentere Tapeten der Basler Marke Salubra zum Einsatz, die ebenfalls eng mit den Gestaltungsideen des Neuen Bauens verbunden war.

«Hüsli ohne Dach»

Wegen seiner architektonischen Modernität stiess das Wohnhaus Schaad nach seiner Fertigstellung nicht überall auf Verständnis. Der Eglisauer Pfarrer und Chronist Hermann Brassel beschrieb es in einer Ortschronik Ende 1930 als «hochmodernen, im Corbusier-Stil errichteten Bau» und hielt fest, dass es ihm schwerfalle, die Schönheit dieses «Hüsli ohne Dach» gebührend zu würdigen, zumal es in einem «besonders schreienden Gegensatz» zum benachbarten Chalet stünde. Weiter hielt er fest, dass das Haus «wenigstens praktisch eingerichtet» sei und und verwies darauf, dass «dieser Stil» vor allem vom Architekten – dem Cousin des Bauherrn Hans Schaad (siehe Kasten unten) – gegen anfängliche Widerstände «in hartem, andauerndem Kampf» durchgesetzt worden sei.

Das Wohnhaus Schaad nach der Errichtung eines Anbaus 1938. Foto: Privatarchiv Familie Schaad

Das Beispiel des Wohnhauses Schaad verdeutlicht exemplarisch die zwiespältigen Reaktionen auf das Neue Bauen in seinen Anfangsjahren. Während die ungewohnte Formensprache und der bewusste Verzicht auf traditionelle Elemente auf Unverständnis stiessen, überzeugten die funktionalen und technischen Lösungen zunehmend. Gerade in dieser Verbindung von radikal neuer Gestaltung, moderner Konstruktion und praktischer Wohnqualität liegt die besondere Bedeutung des Wohnhauses Schaad als früher Vertreter des Neuen Bauens in der Schweiz.

Hans Schaad und Walter H. Schaad

Das Wohnhaus Schaad trägt den Namen seines Bauherrn Hans Schaad (1890–1976). Der in Steinmaur ZH geborene Hans Schaad war ein vielseitiger Künstler, der sich vor allem mit seinen Illustrationen in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat. Besonders die Schweizer Illustrierte, die mit grossformatigen Fotoreportagen und Illustrationen neue Massstäbe setzte, war rasch begeistert von Schaads leicht karikierten Zeichnungen. Darüber hinaus illustrierte er zahlreiche Bücher und übernahm vielfältige Aufträge für Werbegrafiken. Als Gestalter von Wandmalereien hinterliess er zudem Spuren an Fassaden von Eglisau, wie etwa am Café Nachtwächter.

Der Architekt Walter H. Schaad (1902–1990) war ein Cousin des Bauherrn. Geboren in Stein am Rhein SH absolvierte Walter H. Schaad nach seiner Maturität eine Maurerlehre, während der er am Neubau des Bahnhofes in Biel mitarbeitete. 1921 begann er sein Architekturstudium an der ETH Zürich, das er 1926 bei Professor Karl Moser abschloss. Auf Empfehlung Mosers arbeitete Schaad 1926–1927 bei Le Corbusier in Paris, wo er am Wettbewerbsprojekt für den Völkerbundpalast in Genf beteiligt war. Zurück in der Schweiz war er bis 1930 Mitarbeiter bei Karl Moser in Zürich. Dort wurde ihm die Ausführung der Badener Hauptpost sowie die Ausarbeitung eines Gegenvorschlages zum SBB-Projekt für die Erweiterung des Zürcher Hauptbahnhofs anvertraut. Das architektonische Schaffen Schaads umfasst ein breites Spektrum von Wohnbauten über Schulhäuser bis hin zu Industrie- und Gewerbebauten.

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Verfasst von:

Aude Devanthéry

Aude Devanthéry

Aude Devanthéry ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Inventarisation und Dokumentation bei der kantonalen Denkmalpflege Zürich. Ihr Aufgabenbereich umfasst die Baudokumentation bedeutender Baumassnahmen an überkommunalen Schutzobjekten aus dem 20. Jahrhundert.

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