«The Valley» – der Pioniergeist lebt weiter

Die kantonale Denkmalpflege Zürich im Gespräch mit Mikula Gehrig, Immobilienentwickler, Leiter Standort Kemptthal, Mettler Entwickler AG (vormals Mettler2Invest AG). Seit 2018 liegt das ehemalige Maggi-Areal in Kemptthal in den Händen der Firma Mettler Entwickler AG. Sie füllt dieses Gebiet schrittweise mit neuem Leben. Selbst für den erfahrenen Immobilienentwickler ist dieses Areal etwas sehr Spezielles. Sein einzigartiger Charakter und der umfassende Schutzzweck erfordern bei der Weiterentwicklung ein verantwortungsvolles Vorgehen – auch in Zusammenarbeit mit den Fachleuten der kantonalen Denkmalpflege.

Herr Gehrig, es braucht Mut, so ein grosses Industrieareal zu übernehmen. Noch dazu an dieser Lage.

Man realisiert das vielleicht auf den ersten Blick nicht, aber die Lage spricht sehr für dieses Areal. Wir befinden uns zwischen den Ballungsgebieten Zürich und Winterthur, unweit vom Flughafen und mit zwei Autobahnanschlüssen ganz in der Nähe. Auch einen eigenen Bahnanschluss hat das Areal. Diese Lage und die gute Erschliessung bargen für uns von Anfang an viel Potenzial.

Auf dem Magazingebäude des ehemaligen Maggi-Areals steht heute der Schriftzug «The Valley», Foto: Martin Bachmann, Archäologie und Denkmalpflege Kanton Zürich, 2024.
Gleichzeitig ist ein Areal mit so viel erhaltenswerten Bauten mit Einschränkungen verbunden. Sie können nicht schalten und walten, wie Sie wollen. 

Es mag einfacher scheinen, «auf der grünen Wiese» etwas komplett Neues hinzustellen. Aber ein Areal, das bereits gebaut ist, hat auch seine Vorteile. Interessenten spüren sofort, wie dieser Ort ist und was man daraus machen kann. Es ist von Anfang an ein Bild da. Umso mehr, wenn wir uns an einem derart traditionsreichen Ort befinden. Der Pioniergeist, mit dem Julius Maggi seit 1869 von hier aus die Lebensmittelproduktion revolutioniert hat, ist immer noch greifbar. Und die Schönheit dieser überwältigenden historischen Bausubstanz spricht für sich allein.

Das Maggi-Areal 1909, links das Aufnahmegebäude, rechts das ehemalige Restaurant «Hammermühle», heute Verwaltungsgebäude, Archiv Givaudan.
Aber trotzdem: Es ist anspruchsvoll, eine Umnutzung in diesem Kontext zu planen und umzusetzen. 

Immobilien zu entwickeln und einen Mehrwert zu schaffen ist der Daseinszweck unserer Firma. Insofern war uns von Anfang an klar, wie die Regeln sind. Natürlich sind ein Schutzvertrag und ein Gestaltungsplan nötig! Natürlich sind Ideen gefragt, die diesen Gebäuden und ihrer Schutzwürdigkeit gerecht werden! Aber wir wissen auch, dass so etwas Teamarbeit ist: Das heisst, mit unseren Ideen treten wir an die Fachleute der Denkmalpflege heran, dann startet ein intensiver und enger Austausch. Es ist ein iterativer Prozess, ein Geben und Nehmen. Es geht immer um eine Güterabwägung, ein Denken in Szenarien.

Wie war das Einvernehmen mit der Denkmalpflege? 

Es wurde rasch klar, dass auch wir den einzigartigen historischen Charakter dieses Areals wertschätzen. Das ist sicher eine gute Ausgangslage. Und dann möchte ich in aller Bescheidenheit feststellen: Wir haben es mit unseren Ideen auch mehrheitlich gut getroffen. Das heisst nicht, dass wir mit den Vertretern der Denkmalpflege immer einer Meinung gewesen wären, gar nicht! Aber im Rahmen der Güterabwägung ist es uns doch meistens gelungen, den Mehrwert fürs Ganze sichtbar zu machen, den wir mit einem bestimmten Eingriff erzielen wollten. 

The Valley, 2024.
Diese Bauten dienten dem ehemaligen Maggi-Areal als Werkstadtgebäude, Foto: Martin Bachmann, Archäologie und Denkmalpflege Kanton Zürich, 2024.
Das Maggi-Areal ist im kantonalen Richtplan als «regionales Arbeitsplatzgebiet» festgelegt. Hat das geholfen?  

Ja, bei der Güterabwägung war das sicher ein hilfreiches Argument. Denn es bedeutet: Das Ziel ist nicht ein Museum, sondern eine echte, zeitgemässe Weiterentwicklung. Das Bewahren der historischen Substanz und das Ermöglichen von modernen Arbeitsbedingungen – auch was die technische Ausstattung anbelangt – müssen im Gleichgewicht sein. Oder etwas unverblümter: Wenn das hier auf Wunsch des Kantons ein regionales Arbeitsplatzgebiet sein soll, dann darf dieser Kanton auch nicht alles verhindern. Aber klar, da sind viele Stellen involviert und es ist schon manchmal anspruchsvoll.  

Wir gehören nicht zu denjenigen, die auf Konfrontationskurs gehen. Es braucht ein Miteinander und die Regeln müssen eingehalten werden, auf beiden Seiten.

Umso erfreulicher ist, wie gut Sie vorankommen. Was ist Ihr Erfolgsrezept? 

Es braucht eine seriöse Herangehensweise. Als Unternehmen haben wir hier den Vorteil, dass wir – auch zusammen mit unseren Architekten – viel Erfahrung mit Umnutzungen mitbringen. Es ist uns klar, dass wir nicht mit dem Kopf durch die Wand können. Natürlich ist es manchmal mühsam, wenn man mit einer Idee ansteht. Aber man muss auch das Gegenüber verstehen und seine Rolle respektieren. Wir gehören nicht zu denjenigen, die auf Konfrontationskurs gehen. Es braucht ein Miteinander und die Regeln müssen eingehalten werden, auf beiden Seiten. Unter dem Strich ist die Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege bisher sehr konstruktiv und respektvoll abgelaufen, es gab auf beiden Seiten die Bereitschaft zu Kompromissen.

Das planted.bistro by Hiltl ist Teil des «Food Hubs», der im «The Valley» entsteht, Foto: Martin Bachmann, Archäologie und Denkmalpflege Kanton Zürich, 2024.
Wie entwickelt sich «The Valley» geschäftlich? 

Wenn wir auf die Nachfrage und den heutigen Nutzermix schauen, sind wir sehr zufrieden. Dieser Ort mit seiner speziellen Ausstrahlung zieht wirklich interessante Unternehmen an. Der Pioniergeist lebt weiter! Gerade auch auf dem Gebiet der Lebensmittelproduktion. Beispielsweise haben wir hier eine Firma, die auf dem Areal selbst planted food (pflanzenbasierte Fleischersatzprodukte) produziert, schon über 150 Mitarbeitende zählt und weiterwächst. Aber wir haben auch eine kleine, feine Käserei, die hier produziert. Es entsteht allmählich ein «Food Hub», und diese Entwicklung wollen wir weiter verstärken. Deshalb sind wir derzeit an einem Neubau, den wir mit Forschungslabors für die Lebensmittelindustrie ausbauen. Das Ziel ist ein Co-Working-Space mit Laborarbeitsplätzen. Wo wäre ein besserer Ort für die Entwicklung und Produktion von zukunftsgerichteten Lebensmitteln als hier, wo Julius Maggi schon vor 150 Jahren neue Wege eingeschlagen hat?

Möchten Sie mehr zum «Maggi-Areal» erfahren? Hier geht’s zum Inventarblatt.

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Verfasst von:

Viviane Mathis

Viviane Mathis

Viviane Mathis studierte Kunstgeschichte, Architekturgeschichte und empirische Kulturwissenschaften in Zürich und Bern. Bei der Archäologie und Denkmalpflege des Kantons Zürich ist sie Vermittlungsbeauftragte und Programmleiterin Öffentlichkeitsarbeit.

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