Zu Beginn des 19. Jahrhunderts stand an der Zollikerstrasse 107 im Zürcher Riesbach-Quartier nicht wie heute der Botanische Garten der Universität Zürich, sondern ein Sommerhaus mit dem Namen «Zur Schönau». Im Jahr 1862 erwarb der aus Aarau stammende Kaufmann Gottlieb Julius Martin das Anwesen. Martin, der in Glarus eine Seidenspinnerei betrieb, vergrösserte das Grundstück durch Landkäufe und liess 1865/66 anstelle des Sommerhauses «Zur Schönau» eine repräsentative Villa «Schönau» errichten. Diese zeichnete sich durch einen turmartigen Mitteltrakt, eine weitläufige Gartenterrasse, einen Springbrunnen und ein Gartenhaus aus. Während der Eigentümerschaft von Gottlieb Julius Martin war auch die Rede von der «Martinsburg».

Mitte rechts im Bild die Villa «Schönau», auch Martinsburg genannt, mit dem auffälligen turmartigen Mitteltrakt. Links ist die Kirche Neumünster zu sehen. Aufnahme ca. 1889. Foto: Rudolf Ganz, Baugeschichtliches Archiv Zürich.

1888 kaufte der Unternehmer und Kunstsammler Fritz Meyer-Fierz (1847–1918) das Gut. Er liess die Villa 1893 mit modernen Sanitäreinrichtungen ausstatten und 1906 durch den Anbau einer Veranda vergrössern. Im Jahr 1920 erwarb der Textilfabrikant August Abegg-Rüegg (1861–1924) die Villa «Schönau» und liess sie noch im selben Jahr durch den Architekten Conrad von Muralt umbauen. Bei diesen Arbeiten verschwand unter anderem der turmartige Mitteltrakt, im zweiten Stock entstand ein grosser, repräsentativer Bibliotheksraum mit edlem Tafelparkett.

Die Villa «Schönau» nach dem Umbau, nun ohne turmartigen Mitteltrakt im Jahr 1920. Im neu geschaffenen zweiten Stock befand sich unter anderem das Bibliothekszimmer. Aufnahme 1971. Foto: Baugeschichtliches Archiv Zürich.
Blick ins Bibliothekszimmer mit dem edlen Tropenholzparkett. Aufnahme 1971. Foto: Kantonale Denkmalpflege Zürich.

Trotz mehrerer Umbauphasen wirkte die Villa wie ein stilistisch einheitlicher, herrschaftlicher Wohnsitz. Besonders prägend waren die neuklassizistischen Elemente aus dem Umbau in den 1920er-Jahren. Im Inneren beeindruckten kunstvoll gestaltete Stuckdecken und Wanddekorationen, die zu den bedeutendsten Beispielen des Historismus und des Neuklassizismus im Kanton Zürich zählten.

Die Eingangshalle mit einem Cheminée im neoklassizistischen Stil der 1920er-Jahre und einer imposanten, mit Greifenfiguren geschmückten Treppe. Aufnahme 1971. Foto: Kantonale Denkmalpflege Zürich.
In der vom Kunsthändler Fritz Meyer-Fierz angebauten, reich geschmückten Veranda befinden sich seitlich der Tür zwei Keramikmedaillons, die an die Werkstatt des Florentiner Künstlers Luca della Robbia aus dem 15. Jahrhundert erinnern. Aufnahme 1971. Foto: Kantonale Denkmalpflege Zürich.

Ab 1924 war der Jurist und leidenschaftliche Kunstsammler Henry Bodmer-Abegg (1889–1947) Eigentümer der Villa «Schönau». Auch die Natur lag ihm am Herzen, weshalb er der Pflege und Gestaltung der prachtvollen Gartenanlage besondere Aufmerksamkeit schenkte. 14 Jahre nach seinem Tod, im Jahr 1961, verkaufte seine Frau Annie Bodmer-Abegg (1896–1996) das Anwesen zu einem günstigen Preis dem Kanton Zürich zur Schaffung eines neuen Botanischen Gartens.

Als der geplante Abbruch der Villa 1970 bekannt wurde, konnte die kantonale Denkmalpflege nur noch Teile der kostbaren Ausstattung sichern, darunter das hochwertige Tropenholzparkett aus dem Bibliothekszimmer. Dabei handelt es sich vermutlich um die edle Holzart Sapelli (Entandrophragma cylindricum), die zur Familie der Mahagonigewächse gehört und für ihre attraktive Optik und ihre Langlebigkeit geschätzt wird. Hergestellt wurde das Parkett von der «Parqueterie d’Aigle», einem Unternehmen aus der Stadt Aigle im Kanton Waadt. Die 1855 gegründete Firma gilt als eine der ersten, die industriell Parkett produzierte und dadurch internationale Bekanntheit erlangte.

Vorderseite des hochwertigen Tropenholzparkett aus dem Bibliothekszimmer der Villa «Schönau». Aufnahme 2025. Foto: Christine Muralt.
Rückseite des Parketts. Die rückseitigen Beschriftungen verweisen auf den Hersteller und belegen, dass der Holzboden mit der Eisenbahn transportiert wurde. Aufnahme 2025. Foto: Christine Muralt.

Nach dem fachgerechten Ausbau des Parketts in den 1970er-Jahren lagerte dieses rund 50 Jahre im Bauteillager der kantonalen Denkmalpflege, bis sich im Jahr 2024 eine Möglichkeit ergab, es in einem Schutzobjekt unterzubringen. Bei der Suche nach einem geeigneten Bodenbelag für das Kutscherhaus der Villa Patumbah, das derzeit umgebaut wird, entschied man sich für das Parkett aus dem Bibliothekszimmer der Villa «Schönau». Das Kutscherhaus befindet sich an der Zollikerstrasse 130 und ist somit nur fünf Gehminuten vom ursprünglichen Standort entfernt.

Das Tafelparkett der ehemaligen Villa «Schönau» ist nun im Kutscherhaus der Villa Patumbah verlegt. Foto: Urs Siegenthaler.

Europäische Tage des Denkmals

Teile des Tafelparketts aus dem Bibliothekszimmer und ein Keramikmedaillon der Veranda der Villa «Schönau» sind ab dem 5. September 2025 in der  Ausstellung «Von Pflege, Wert und Denkmal: For What It’s Worth» im ZAZ BELLERIVE zu sehen. Besuchen Sie die Ausstellung anlässlich des Tage des Denkmals am 13. September 2025 kostenlos und lernen Sie an Führungen viele weitere Geschichten rund um reisende Bauteile und das Bauteillager der Zürcher Denkmalpflege kennen.

An der Führung «Reiches Nebengebäude» kann der Grossteil des Tafelparketts am neuen Standort im Kutscherhaus der Villa Patumbah bestaunt werden.

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Verfasst von:

Christine Muralt

Christine Muralt

Christine Muralt-Herrmann ist Handwerkerin in der Denkmalpflege EFA und arbeitet seit 2020 im Bauteillager der kantonalen Denkmalpflege Zürich.

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