Ernst Gisel: Ein langes Leben für die Architektur

Vor einem Jahr hat die Schweizer Architekturszene einen ihrer bedeutendsten Protagonisten der Nachkriegszeit verloren: Ernst Gisel. Er hätte am 8. Juni 2022 seinen 100. Geburtstag gefeiert. Schöpferisch, eigenwillig und erfolgreich wurde der Architekt in seiner Traueranzeige genannt. Bis ins hohe Alter beschäftigte er sich mit Architektur – «anstatt Golf zu spielen», wie er selbst sagte.

Ein Macher, kein Theoretiker

Ernst Gisel hinterlässt ein eindrückliches, breit gefächertes Werk, was mitunter darauf zurückzuführen ist, dass er keine konkrete theoretische Haltung verfolgte. Vielmehr streifte er verschiedene Architekturströmungen und griff deren gestalterische Mittel auf. Skandinavische Einflüsse, rationalistische Strenge, plastisch-künstlerische Eigenart sowie eine Vorliebe für die Verwendung natürlicher und traditioneller Materialien (Stein, Holz, Keramik, Metall) kennzeichnen seine Architektur. In späteren Jahren prägen expressiver Sichtbeton und postmoderne Stilelemente sein Werk, auch finden vermehrt äussere Sichtbacksteinwände oder vorgehängte Schieferplatten als neue konstruktive bzw. gestalterische Elemente Verwendung. Zudem manifestieren sich Bezüge zu Le Corbusier, Alvar Aalto und Frank Lloyd Wright. Gisel selbst – für seine zurückhaltende und schweigsame Art bekannt – nannte in Bezug auf seine Architektur folgende Stichworte: «Folgerichtigkeit», «besonnene Nüchternheit» und «gediegene Qualität».

World Trade Center in Zürich-Oerlikon von Ernst Gisel, 1991–1995. Foto: gta Archiv, Harry Moor, Aufnahmedatum unbekannt.

Gisel zeichnete sich gleichermassen als funktionaler und gestalterisch anspruchsvoller Architekt aus: Ihm war stets eine situativ angemessene Baukunst wichtig. Für jedes seiner Gebäude strebte er eine perfekt funktionierende Lösung an, die den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer entspricht. Seinem Credo «Jedes Haus ist eine Plastik» wurde er gerecht, indem er jeden Entwurf wie ein Bildhauer von neuem konzipierte und formte. Parallel dazu kam seine Leidenschaft für Kunst und Design als ein fester Bestandteil seiner Architektur in vielen seiner Bauten zum Tragen: Gisel hat regelmässig Künstler wie die Plastiker Otto Müller und Silvio Mattioli oder den Maler Ferdinand Gehr für die Gestaltung miteinbezogen.

Atelierhaus an der Wuhrstrasse in Zürich von Ernst Gisel. Foto: Baugeschichtliches Archiv Zürich, Hugo Paul Herdog, Aufnahmedatum unbekannt.

Seine Nähe zur Kunst und zu den Kunstschaffenden spiegelt sich auch in der umfangreichen Werkgruppe der Atelierhäuser. Das wohl bekannteste Werk ist die «Künstlerkolonie» an der Wuhrstrasse in Zürich-Wiedikon (1953–1954), in der er Wohn- und Atelierräume für bildende Künstlerinnen und Künstler inmitten des städtischen Kontexts unterbrachte. Oft entwickelte Gisel das gesamte Bauprogramm einschliesslich der Einrichtung und erschuf damit gewissermassen ein Gesamtkunstwerk. Mancherorts kam die selbstentworfene Ausstattung aus pragmatischen Beweggründen zustande, wenn das Gesuchte nicht auf dem Markt erhältlich war, so beispielsweise ein für Betagte entwickelter Fauteuil für das ökumenische Kirchen- und Gemeindezentrum in Steinhausen (1978–1981). An den gepolsterten Armlehnen besteht ein Knauf, der das Aufstehen erleichtert.

Bauen am Bestand

In Zürich begegnet man Gisels Schaffen an vielen Orten: Von 1959 bis 1960 wandelte er das ehemalige Feuerwehrdepot am Hechtplatz zu einem Kleintheater um. Das Konzept, jede Sitzreihe durch eine eigene Tür vom Foyer aus zugänglich zu machen, sowie die Gestaltung des Zuschauerraums inklusive Bestuhlung und Beleuchtung bestehen bis heute. Wussten Sie, dass die Stadelhofer Passage (1980–1984) aus seiner Feder stammt und von der Stadt die Auszeichnung für gute Bauten erhielt? Die vielfältige Nutzung und die Fussgängerzone mit den Höfen tragen wesentlich zur Urbanität bei. Übrigens war hier auch der letzte Wohnort des Schriftstellers Max Frisch. Ihm gefielen die Architektur und die Lage, denn von da aus waren für ihn eine Buchhandlung, das Restaurant «Kronenhalle», ein Bratwurststand, eine Apotheke, das Kunsthaus Zürich sowie fünf Kinos komfortabel zu Fuss erreichbar.

Die Stadelhofer Passage von Ernst Gisel erhielt von der Stadt Zürich die Auszeichnung für gute Bauten. Foto: Baugeschichtliches Archiv Zürich, Fritz Maurer, Aufnahmedatum unbekannt.

Seit den 1990er-Jahren wurde Gisel auch mit Erweiterungen eigener Bauten betraut: Das Kongresshaus Davos erhielt in den Jahren 1988–1990 einen Anbau, der sich architektonisch vom 1969 fertiggestellten Komplex bewusst absetzt. Die reformierte Kirche Effretikon wurde 1994–1995 um einen Gemeindesaal erweitert. Zwischen 1994 und 1998 erfolgten der Umbau und die Sanierung der Gemeindeschule Engelberg, wobei der ursprüngliche Charakter der Anlage eine grosse Veränderung erfuhr – ein Kompromiss mit der Bauherrschaft, der dank dem Einschreiten diverser Kulturinstitutionen zustande kam – nicht unbedingt nach Gisels Wunsch – aber dies ist eine andere Geschichte.

Ausgezeichnet, geschützt…

Gisel wurde zu Lebzeiten mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht. Bereits 1966 wurde er Ehrenmitglied des Bundes Deutscher Architekten BDA, 1996 Ehrenmitglied des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins SIA, 2004 erhielt er die Ehrendoktorwürde der ETH Zürich. Einige Gebäude im In- und Ausland sind in Inventaren schützenswerter Baudenkmäler aufgeführt oder sogar formell geschützt, so z. B. das evangelische Gemeindezentrum Sonnenberg in Stuttgart (1964–1966), die reformierten Kirchen von Effretikon (1958–1961) und Oberglatt (1962–1964) oder das Schulhaus Steinboden in Eglisau (1978–1980).

Ist heute im Inventar der Denkmalschutzobjekte aufgeführt: die reformierte Kirche Effretikon von Ernst Gisel, 1958–1961. Foto: GTA-Archiv, Max Hellstern, Aufnahmedatum unbekannt.

… und gefährdet

Bedauerlicherweise sind Gebäude von Ernst Gisel auch gefährdet: Wiederholt wurde in den letzten Jahren ein Abbruch des Lichthofeinbaus (1984–1991) im ehemaligen Biologietrakt (heute Kollegiengebäude II) der Universität Zürich – eine äusserst raffinierte und zugleich ausgefallene Lösung zur Raumverdichtung – ins Auge gefasst. Der Baukörper in Sichtbeton steht auf vier mächtigen Pfeilern – ein «Haus-im-Haus»-Konzept. Ein umlaufendes Oberlicht verbindet den Altbau mit dem Neubau und leitet Tageslicht ins Innere.

Lichthofeinbau von Ernst Gisel im Kollegiengebäude II, 1984–1991. Foto: Urs Siegenthaler, 2022.

Der Lichthofeinbau bietet einen neuen Ort für das Historische Seminar mit seinen Bibliotheks- und Arbeitsräumen sowie eigenem Hörsaal; gleichzeitig lässt er im Erdgeschoss dem Zoologische Museum weiterhin Platz für seine Exponate. Dieser von aussen nicht sichtbare Einbau war anfänglich seitens der kantonalen Denkmalpflegekommission und des Zürcher Heimatschutzes umstritten. Der Heimatschutz lobte letztlich Gisels Umsetzung als architektonisch und gestalterisch qualitätsvolle Ergänzung zum Universitätsgebäude. Der Einbau wurde 1993 sogar mit dem Heimatschutzpreis sowie dem Architekturpreis Beton ausgezeichnet.

Gisels Lichthofeinbau scheint über dem Zoologischen Museum zu schweben. Foto: Urs Siegenthaler, 2022.

Der Umgang mit dem kulturellen Erbe der jüngsten Vergangenheit stellt die Denkmalpflege vor eine besondere Herausforderung. Dies liegt vor allem daran, dass der Denkmalwert der Postmoderne in der Gesellschaft und teilweise in der Fachwelt noch nicht erkannt und geschätzt wird. Man ist zur Erkenntnis gelangt, dass es in der Regel eine zeitliche Distanz von rund 30 Jahren bzw. einer Generation seit der Entstehung erfordert, um dessen Denkmalwert benennen zu können. Seit der Errichtung von Gisels Lichthofeinbau in den 1990er Jahren hat sich der denkmalpflegerische Umgang mit diesen Bauten weiterentwickelt.

Der Lichthofeinbau präsentiert sich als plastische Betonskulptur. Foto: Urs Siegenthaler, 2022.

Heute ist unbestritten, dass Gisel die fast unlösbare Aufgabe – einerseits den Ursprungsbau nicht stark zu beeinträchtigen, anderseits die Anlage zu verdichten – mit hohem Anspruch gemeistert hat. Die besondere Qualität liegt im Zusammenspiel von Alt und Neu sowie von Architektur und Ingenieurskunst, was das Bauwerk zu einem wertvollen Zeitzeugnis macht. Zu wünschen bleibt, dass in naher Zukunft auch die Bevölkerung die Qualität dieser Bauten zu schätzen vermag, damit architektonische Leistungen wie Gisels Lichthofeinbau eine «Überlebenschance» erhalten.

Die Deckengestaltung (segelartige Aluminiumplatten) des Künstlers Martin Schwarz ist fester Bestandteil des Lichthofeinbaus. Foto: Urs Siegenthaler, 2022.

Ernst Gisel, 1922 – 2021

Ernst Gisel. Foto: GTA-Archiv, Giorgio Hoch, Aufnahmedatum unbekannt.

Ernst Gisel absolvierte in den Jahren 1938–1940 im Büro von Hans Vogelsanger, einem der damals führenden Architekturbüros Zürichs, eine Bauzeichnerlehre. Im Anschluss besuchte er während zweier Jahre die Innenarchitekturklasse der Zürcher Kunstgewerbeschule, wobei er im ersten Studienjahr bei Willy Guhl – dem Schöpfer des berühmten Eternitstuhls – offenbar eifrig Möbel entwarf und anfertigte. Von 1942 bis 1944 arbeitete Gisel im Büro von Alfred Roth, dem renommierten Co-Architekten der Werkbundsiedlung Neubühl (1930–1932) und der Doldertalhäuser (1935–1936), beide in Zürich. Hier kam er nicht nur mit der Tradition der Moderne in Berührung, sondern lernte auch zahlreiche Vertreter persönlich kennen.

Ab 1947 führte Ernst Gisel ein eigenes Architekturbüro in Zürich. Der Durchbruch gelang ihm mit dem Parktheater in Grenchen (1953–1955), das ihm internationale Anerkennung brachte. In den folgenden Jahrzehnten schuf er zahlreiche öffentliche Gebäude (u .a. Schulhaus Letzi in Zürich-Albisrieden, 1954–1956, reformierte Kirche in Effretikon, 1958–1961, Altersheim Stampfenbach in Zürich-Unterstrass, 1985–1988), Geschäftsbauten (u. a. Werkhalle für die Lehni AG in Dübendorf, 1974–1976, Appenzell-Ausserrhodische Kantonalbank in Herisau, 1980–1984, World Trade Center in Zürich-Oerlikon, 1991–1995) sowie Ateliers, Wohnhäuser und Wohnsiedlungen (u. a. Atelierhäuser in Zumikon, 1953–1954, Haus Leutert in Zürich, 1960–1961, Wohnbebauung Friesenberghalde in Zürich, 1967–1973).

Später dehnte Gisel seine Tätigkeit nach Deutschland aus und unterhielt in den Jahren 1966–1971 ein Zweigbüro in Berlin. Gleichzeitig unterrichtete er von 1968 bis 1969 als Gastdozent an der ETH Zürich und von 1969 bis 1971 an der damaligen Universität Karlsruhe. 1973 verlegte Gisel sein Büro ins neu errichtete «Blaue Atelier» im Zürcher Hegibachquartier, das er 1999 inklusive Firmennachlass der ETH Zürich schenkte; es wird heute als Lehrgebäude des Departements Architektur und als Archiv Gisels genutzt. Ab diesem Zeitpunkt arbeitete er mit der Unterstützung ehemaliger Mitarbeitenden in seinem Wohnhaus als Architekt weiter.

Titelbild: Urs Siegenthaler, 2022.

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Verfasst von:

Cristina Mecchi

Cristina Mecchi

Cristina Mecchi, Kunsthistorikerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Ressort Dokumentation der kantonalen Denkmalpflege. Zu ihren Aufgaben gehören die Erarbeitung von Grundlagen und die dokumentarische Begleitung wichtiger Baumassnahmen an überkommunalen Schutzobjekten im Kanton Zürich, speziell des 19. und 20. Jahrhunderts.

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