Das Bauteillager der kantonalen Denkmalpflege beherbergt baukünstlerische Preziosen aus dem Kanton Zürich. Darunter eine bronzene Wandleuchte in Form eines flügelschlagenden Drachens, der in seinem Maul einen Blütenkopf mit einer Glühbirne hält. Woher kommt dieses Fabelwesen?

Das Anwesen der Familie Scotoni

Das besondere Bauteil stammt aus dem Gartenpavillon der 1915 erbauten Villa Scotoni in Zürich Oerlikon (Ringstrasse 26). Der Bauherr Eugen Scotoni (1873–1961), ein Bauunternehmer, war passionierter Jäger und soll im Park seines weitläufigen Anwesens Hirsche gehalten haben. Das Innenleben des 1925 aus Beton und Sandstein erstellten, äusserlich unscheinbaren Pavillons …

Villa Scotoni im Schnee, Datum und Fotograf*in unbekannt, Baugeschichtliches Archiv Zürich, BAZ_007577. Pavillon Scotoni, 1979, Foto: Büro für Denkmalpflege, Baugeschichtliches Archiv Zürich, BAZ_023748. Briefkopf Baugeschäft Eugen Scotoni, ohne Datum, Baugeschichtliches Archiv Zürich, BAZ_095299.

Der phantastische Pavillon

… liess er mit mythologischen Jagdszenen gestalten. In den Deckenmalereien von Otto Haberer-Sinner (1866–1941) gingen fellbehangene keltische Jäger ebenso auf die Pirsch wie die römische Jagdgöttin Diana. Karl der Grosse verfolgte einen Hirsch, der ihn gemäss der Zürcher Legende zum Grab der Stadtheiligen Felix und Regula auf dem Münsterhügel führen sollte. Beleuchtet wurde diese Szenerie über dem prächtigen Mosaikboden von phantastisch gestalteten Wandleuchten, darunter unsere Drachenleuchte.

Pavillon Scotoni, Bodenmosaik, 1944, Foto: Wolf Bender, Baugeschichtliches Archiv Zürich, BAZ_1240691. Pavillon Scotoni, Innendekoration von Otto Haberer-Sinner, 2015, Foto: Christian Marty / Ars Artis AG.
Pavillon Scotoni, Innendekoration von Otto Haberer-Sinner, 2015, Foto: Christian Marty / Ars Artis AG.

Otto Haberers Musentempel: Das Kino Seefeld/Razzia

Der Dekorationsmaler Otto Haberer, der den Pavillon 1926 gestaltete, entwarf in der Stadt Zürich verschiedene Kinosäle. Den Saal des 1922 eröffneten Kino Seefeld an der Seefeldstrasse 82 schmückte er im theatralen Stil eines Musentempels mit Figuren aus der griechischen Mythologie. Bei der radikalen Modernisierung des Kinosaals 1952 verschwanden die Malereien und Stuckaturen unter nüchternen Gipsplatten. Erst Ende der 1980er Jahre wurde die bauzeitliche Ausstattung vom Betreiber des damaligen Kino Razzia wiederentdeckt und unter denkmalpflegerischer Aufsicht restauriert. Aphrodite, Pegasos, Poseidon und der weitere Götterkosmos können heute im Restaurant Razzia bestaunt werden.

Kino Seefeld nach der Modernisierung, 1954, Foto: Wolf Bender, Baugeschichtliches Archiv Zürich, BAZ_129953. Freilegung der Malereien von Otto Haberer, 1989, Foto: BAZ, Baugeschichtliches Archiv Zürich, BAZ_129957. Restaurant Razzia, 2014, Foto: Juliet Haller, Baugeschichtliches Archiv Zürich, HAL_002020.
Kino Seefeld, Datum und Fotograf*in unbekannt, Baugeschichtliches Archiv Zürich, BAZ_129950. Restaurant Razzia, 2014, Foto: Juliet Haller, Baugeschichtliches Archiv Zürich, HAL_002028.

Die Königin der Kinos: Das Appollo

Dass Eugen Scotoni für die Gestaltung seines Pavillons den Hotel- und Kino-Dekorateur Otto Haberer engagierte, ist kein Zufall: Der Bauunternehmer war über den Bau von Kinogebäuden selbst ins Kino- und Filmgeschäft eingestiegen. So erwarb er das 1928 von seiner Firma erstellte Kino Apollo an der Stauffacherstrasse 41, welches neben Stummfilmen auch Variété-Vorführungen zeigte. Mit seiner sachlich-expressiven Architektur (Architekt: Peter Giumini) und insgesamt 2000 Sitzplätzen war das vom Berliner Titania-Palast (1928) inspirierte Apollo bis zu seiner Schliessung 1988 das grösste Kino der Schweiz.

Apollo bei Nacht, Datum und Fotograf*in unbekannt, Baugeschichtliches Archiv Zürich, BAZ_051931. Kino Apollo von aussen, 1986, Foto: BAZ, Baugeschichtliches Archiv Zürich, BAZ_079637. Kinosaal Apollo, 1988, Foto: BAZ, Baugeschichtliches Archiv Zürich, BAZ_160590.

Der «Kinokönig» von Zürich

Scotonis Sohn Anton-Eric (1916–2011) übernahm 1955 das Unternehmen. Der Erwerb weiterer Zürcher Kinos machte den promovierten Ökonomen und FDP-Politiker zum unangefochtenen «Kinokönig». Der «schillernde Unternehmer» und «Paradiesvogel», wie die NZZ Scotoni in ihrem Nachruf betitelte, liebte den grossen Auftritt und lud regelmässig internationale Filmprominenz, darunter Sophia Loren und Jean-Paul Belmondo, zu glamourösen Galavorstellungen ins Kino Apollo und privat in die Villa Scotoni.

Sophia Loren und Anton-Eric Scotoni im Kino Apollo, 1960, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Foto: Gerber, Hans / Com_L09-0086-0003-0001 / CC BY-SA 4.0. Jean-Paul Belmondo auf dem Trampolin im Garten der Villa Scotoni, 1962, Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Comet Photo AG (Zürich) / Com_L11-0108-0008-0002 / CC BY-SA 4.0.

Von der Villa zur Mehrfamilienhaussiedlung

Würde die Drachenleuchte heute an die Ringstrasse in Oerlikon zurückkehren, sie würde ihr früheres Zuhause nicht wiedererkennen: Wo einst Villa und Pavillon in den weitläufigen Park eingebettet waren, steht seit einigen Jahren eine Mehrfamilienhaussiedlung. Was ist geschehen?

Siegfriedkarte (Ausschnitt),1930. Luftbild, 2013. Luftbild, 2019.

Das Ende des Pavillons

Anton-Eric Scotoni verkaufte 1985 seine Zürcher Kinos und überführte den Familienbetrieb in eine Immobilienverwaltung. Daraufhin wurde es ruhig an der Ringstrasse: Die Gebäude waren seit 1989 nicht mehr bewohnt und das sagenhafte Innenleben des Pavillons geriet in Vergessenheit. Dass sich im Park des Anwesens ein baukünstlerisches Juwel verbarg, wurde erst 2014 bekannt, nachdem die Abbruchbewilligung bereits erteilt war.

Abbruch des Pavillons am 25.06.2015, Fotos und Video: Christian Marty / Ars Artis AG.

Das Bauteillager

Von der Baustelle wurden verschiedene Bauteile geborgen und in die Studiensammlung der kantonalen Denkmalpflege aufgenommen. Neben der Drachenleuchte erinnern auch Teile des Bodenmosaiks und Fragmente der Deckenmalerei an ein besonderes Kapitel der Zürcher Kultur- und Kinogeschichte.

Geborgene Elemente des Pavillons im Bauteillager. Fotos: Kantonale Denkmalpflege Zürich.

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Verfasst von:

Melanie Wyrsch

Melanie Wyrsch

Melanie Wyrsch, Historikerin, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der kantonalen Denkmalpflege. Sie revidiert und ergänzt das Inventar der Denkmalschutzobjekte von überkommunaler Bedeutung und und berät Gemeindebehörden bei der Erstellung ihrer kommunalen Inventare.

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