Auf der Suche nach dem verschwundenen Kloster

Im Firmengelände der Rieter AG in Winterthur-Töss sind archäologische Ausgrabungen im Gang. Die Untersuchungen wurden von der Tösser Bevölkerung mit Spannung erwartet, denn man weiss genau, was dort ausgegraben wird: die Spuren des früheren Klosters Töss. Aber wer gräbt da eigentlich und was machen die da genau?

1233 gründeten die Grafen von Kyburg das Kloster Töss. Die aktuellen Ausgrabungen wecken Erinnerungen an die bewegte Geschichte des inzwischen verschwundenen Dominikanerinnenklosters. Die Nonnen des 14. Jahrhunderts sollen dort eine derart strenge Mystik gelebt haben, dass sie sogar vor der Selbstkasteiung mit der Geissel nicht zurückschreckten. Gleichzeitig liess sich mit Prinzessin Elisabeth aus Ungarn eine Berühmtheit in Töss nieder, deren Ruhm das ehemalige Kloster und den Ort Töss noch heute ehrt. 1525 wurde das Kloster im Zuge der Reformation aufgelöst und zu einem Zürcher Amtssitz umgenutzt. Im Jahr 1798 wurde die helvetische Republik ausgerufen und damit das Amt Töss aufgelöst. Danach stand der Gebäudekomplex leer, bis der Rat von Zürich 1833 die gesamte Klosteranlage an Heinrich Rieter verkaufte, den damaligen Leiter der Firma J.J. Rieter & Cie. Rieter liess die Klosterbauten nach und nach niederreissen und erstellte stattdessen solide Fabrikbauten. Bei der aktuellen Umstrukturierung nimmt die Rieter AG auch Bodeneingriffe vor, weshalb die Kantonsarchäologie die Baugrube mit einer Notgrabung archäologisch untersucht und dokumentiert.

Die Maschinenfabrik der Firma J.J. Rieter & Cie. in den Gebäuden des ehemaligen Klosters, Aufnahme von 1869.

Die Ausgrabungen sind im vollen Gang. Spaziergängerinnen erhaschen hin und wieder einen Blick auf die Ausgrabungsfläche und der eine oder die andere wird sich fragen, was diese Menschen da unten eigentlich tun. Einige Mauerzüge sind zu erkennen, in Sicherheits-Orange gekleidete Leute schaufeln Erdmaterial hin und her, einige hantieren mit einer Fotokamera, wobei das Motiv des aufgenommenen Bildes völlig unklar bleibt. Zelte und Plachen verdecken grössere Flächen. Eine Logik hinter den Arbeiten ist kaum auszumachen. Sind das Archäologinnen und Archäologen oder hantieren hier ganz andere Spezialisten? Und wie kommt man eigentlich zu diesem Beruf, in den sich so viele im Kindes- und Jugendalter hineinträumten? Drei Portraits stellen Mitarbeiterinnen der Kantonsarchäologie und ihre Aufgaben auf der Grabung vor.

1. Ausgräberin Timea

Schicht für Schicht legt Timea mit der Kelle Funde und Befunde frei. Foto: Martin Bachmann, Kantonsarchäologie Zürich.

Timea hat im letzten Jahr ihren Bachelor in Archäologie an der Universität Zürich abgeschlossen und arbeitet nun während rund einem Jahr als Ausgräberin, bevor sie ihr Masterstudium beginnt. So wie Timea sind bei der Kantonsarchäologie verschiedene Ausgräberinnen und Ausgräber angestellt. Zu den Archäologiestudierenden, die vor allem praktische Erfahrung sammeln wollen, gesellen sich Zivildienstleistende und Leute, die ursprünglich einen komplett anderen Beruf gelernt haben.

Timea arbeitet für die Kantonsarchäologie auf verschiedenen Ausgrabungen. Viele Ausgräberinnen waren schon in anderen Kantonen tätig. Je nachdem, wo gerade ein Projekt am Laufen ist, finden sie Arbeit, häufig projektweise und zeitlich befristet. Auf jeder Ausgrabung herrschen andere Bedingungen, tauchen neue Schwierigkeiten und andersartige Befunde auf. Für Timea bietet das die Möglichkeit, viele verschiedene Erfahrungen zu sammeln. Gleichzeitig wird von ihr eine grosse Flexibilität gefordert, was die Arbeit noch zusätzlich erschwert. Ausgraben kann sehr anstrengend sein und erfordert eine robuste Konstitution. Schliesslich ist man bei jedem Wetter und allen Temperaturen im Freien, auch wenn es in Strömen regnet oder schneit. Für Timea ist das aber eine willkommene Abwechslung zu ihrem doch sehr theorielastigen Studium.

Die Ausgräberin muss sowohl hart, als auch präzise arbeiten. Grobe Schichten trägt sie mit Pickel und Schaufel ab. Das meistverwendete Ausgräberwerkzeug ist jedoch die Kelle, mit der Befunde oder schwierige Schichtverläufe sauber herausgearbeitet werden können. Bei sehr subtilen Freilegungen kommt gar die Lanzette zum Einsatz. Auch der Staubsauger ist ein wichtiges Hilfsmittel, etwa um die Ritzen in Mauern von Krümeln zu befreien. Der berühmt-berüchtigte archäologische Pinsel gehört jedoch nicht zum Standardwerkzeug. Dieser würde sich vielleicht in einer Sandwüste eignen, aber nicht in Winterthur-Töss.

Während des sorgfältigen Schichtabbaus späht Timea nach Funden und dokumentiert genau, wo sie was gefunden hat. Wer bei archäologischen Fundobjekten an Gold und Edelsteine denkt, wird aber leider enttäuscht: Es handelt sich meist um Keramikscherben, Knochen aus Speiseabfällen, Metallobjekte und Steinartefakte. Aber auch diese Materialien können grossartige Überraschungen mit sich bringen! Die Fundstücke werden bei der Kantonsarchäologie gereinigt und eingelagert, besonders wertvolle oder fragile Einzelstücke konserviert und restauriert das Speziallabor. Und die wahren Highlights kommen vielleicht sogar einst in die Vitrinen eines Museums.

Nach der Freilegung einer Struktur, eines sogenannten Befunds, kommt der wichtigste Schritt: die Dokumentation. Timea fotografiert Mauern und Erdverfärbungen in der Fläche und zeichnet massgenau die geputzten Profile. Weitere Dokumentationsarbeiten nehmen die Projektleiterinnen vor, bevor der ganze mühsam und sauber herausgeputzte Befund zerstört und abgetragen wird, um sich eine Schicht tiefer in den Boden hinunterzuarbeiten. Manchmal brennt Timeas Herz, wenn sie einen besonders schönen Befund abbauen muss, doch auch das gehört zum Alltag einer Ausgräberin.

2. Grabungstechnikerin Angela

Mit dem Tachymeter vermisst Grabungstechnikerin Angela millimetergenau die Grabungsfläche. Foto: Martin Bachmann, Kantonsarchäologie Zürich.

Angela ist die technische Leiterin auf der Ausgrabung in Töss. Sie ist die erfahrenste Fachfrau auf dem Feld, denn sie übt diese Funktion für die Kantonsarchäologie schon seit 25 Jahren aus. Eine Lehre oder ein Studium zur Grabungstechnikerin gibt es nicht. Angela hat zunächst eine handwerkliche Ausbildung als Polsterer-Dekorateurin gemacht, sammelte dann mehrere Jahre Erfahrung als Ausgräberin und legte schliesslich die Prüfung zur Grabungstechnikerin ab. Zu dieser Prüfung gehört einerseits ein sehr vielseitiger theoretischer Teil. Neben Vermessungstechniken, Kalkulationen und umfassender Fotografietheorie, muss sich die Kandidatin oder der Kandidat auch mit der Epochenkunde und Befundanalyse auskennen. Andererseits gibt es den Praxisteil, in dem die Prüflinge eine Ausgrabung leiten, was dann bewertet wird.

Die technische Ausführung ist essentiell für den Erfolg einer Ausgrabung. Dazu gehört auch die Vorbereitung des Grabungsgeländes. Als erstes müssen Strom, Wasser, Zelte, Werkzeuge, Büro- und Werkzeugcontainer, Aufenthalts- und Umkleideräume sowie sanitäre Einrichtungen bereitgestellt werden. Jede Ausgrabung erfordert eine massgeschneiderte Planung. Die eine Ausgrabung findet fern von jeder Zivilisation in einem Kiesabbaugebiet statt, die nächste auf einer schwer zu erreichenden Bergkuppe, die andere in einem Altstadthaus mitten in der Stadt. Um diese Herausforderungen zu meistern, verfügt Angela nicht nur über grosse Erfahrung, sondern vor allem auch über die nötige Gelassenheit, um auf Unvorhergesehenes spontan zu reagieren.

In Töss ist die Equipe etwas verwöhnt, denn das Mühlegebäude aus der Klosterzeit steht leer. So hat das Grabungsteam geheizte Räume mit fliessendem Wasser. Zu meinen, Angela könne sich deshalb zurücklehnen, wäre dennoch weit gefehlt. Die Ausgrabung findet zeitgleich mit dem Abbruch der Rieterschen Werkhalle statt. Angela sorgt dafür, dass sich die Archäologie gut in den Bauablauf einfügt, dass das archäologische Team weder die anderen Werkgruppen behindert, noch von ihnen behindert wird und dass sich die Mitarbeiter im Graben trotz mächtiger Abbrucharbeiten immer wohl und sicher fühlen.

Sind die Grabungsarbeiten einmal im Gang, überwacht Angela deren Ausführung. Im Gespräch mit der wissenschaftlichen Projektleiterin entscheidet sie, welche Schichten maschinell mit dem Bagger, welche von Hand herausgearbeitet werden und welches die angemessene Dokumentationsmethode ist. Indem sie die ganze Grabungsfläche vermisst und jeden Befund darin lokalisiert, bewahrt Angela stets das grosse Ganze im Auge. Doch schon im nächsten Moment richtet sie den Blick auf kleinste Details und schafft so ideale Bedingungen für die Sicherung der Funde.

Auf dem Feld kommen neben den klassischen Dokumentationsmethoden Zeichnen und Fotografieren vermehrt auch neue Methoden zum Einsatz: Drohnenflüge, die Aufnahme von 3D-Modellen und die digitale Felddokumentation für einen GIS-Plan. Als Angela ihre Technikerprüfung abgelegt hat, war daran noch nicht einmal zu denken. Sie kann sich deshalb nicht immer auf ihre Erfahrungen verlassen und die Routine spielen lassen, sondern hat seit dem Abschluss zahlreiche Weiterbildungen absolviert. Im Bereich der Digitalisierung entwickelt sich die Archäologie rasant weiter. Angela ist in dieser Dynamik an vorderster Front mit dabei.

Und nicht zuletzt sorgt Angela auch für die Sicherheit auf der Ausgrabung – schliesslich sollten am Feierabend nicht nur die Funde korrekt dokumentiert sein, sondern auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesund nach Hause gehen.

3. Töss-Expertin Linda

Stein ist nicht gleich Stein: Linda untersucht, fotografiert und beschreibt die Architekturfragmente. Foto: Martin Bachmann, Kantonsarchäologie Zürich.

Linda hat vor kurzem ihr Archäologiestudium mit einer Masterarbeit über den Klosterhof in Töss abgeschlossen. Zur Vorbereitung auf die aktuelle Ausgrabung hat sie historische Dokumente studiert und akribisch erforscht, wann welche Gebäude wo gebaut, wie genutzt und schliesslich abgebrochen worden sind. Das Wissen darüber hilft ihr nun dabei, die freigelegten Mauern auf der Ausgrabung richtig einzuordnen. Für Linda ist es besonders spannend, auf dieser Ausgrabung zu arbeiten, nachdem sie sich so lange und intensiv mit der Geschichte des Areals beschäftigt hat. Sie glaubt, sich im ehemaligen Klosterhof auszukennen, lässt sich aber noch so gerne mit Befunden überraschen, von denen sie nicht zu träumen wagte.

Auf der Ausgrabung hat Linda eine Spezialaufgabe gefasst: Sie kümmert sich um die Dokumentation der freigelegten Architekturfragmente. Gemeint sind Bauteile aus Stein, etwa Gewände- oder Bogensteine von Türen und Fenstern, Mauerquader oder Gewölberippen. Als die Klosterbauten von Töss im 19. Jahrhundert niedergerissen worden sind, wurde das Baumaterial nicht vom Gelände fortgeschafft. Vor der Erfindung von Bagger und Lastwagen war der Aufwand dafür schlicht zu gross. Stattdessen verwendete man die Werkstoffe beim nächsten Bau als sogenannte Spolien oder sie wurden in eine Bodenaufschüttung gemischt. Dies bedeutet, dass viele der mittelalterlichen Steinartefakte nun zwischen Industrieschlacken und anderen modernen Funden in neuzeitlichen Schichten liegen.

Eigentlich sind Architekturfragmente wie normale Funde zu verstehen, doch sie bringen eine besondere Schwierigkeit mit sich: Sie sind verdammt gross und schwer. Sie passen in kein Fundkistchen und können nur mit enormem Kraftaufwand, meist mit dem Bagger, geborgen und verschoben werden. Für eine Aufbewahrung in den Lagerhallen der Kantonsarchäologie Zürich fehlt schlicht der Platz. Lindas Aufgabe ist es daher, die Steine so gut und genau zu dokumentieren, dass sie noch auf der Ausgrabung entsorgt werden können. Dennoch sollen möglichst alle Informationen zu den Funden vorliegen, wie wenn sie physisch aufbewahrt worden wären. Wie soll das gehen und was kann man überhaupt herausfinden?

Zu allererst schnappt sich Linda Bürste und Schwamm, um den Stein zu reinigen. Ob man es glaubt oder nicht, das Waschen ist Lindas Lieblingsaufgabe. Beim Wegputzen der Erdkrusten kommen die grossen Überraschungen zum Vorschein: Werkzeugspuren, Verzierungstechniken, Mörtel- und Verputzreste, Brandverfärbungen und sogar Farbreste. Sie staunt immer wieder über die Geheimnisse, die ein einfacher Stein preisgibt. Der gereinigte Stein wird dann beschrieben. Sie dokumentiert einerseits die Form, um das Stück dem ursprünglichen Gebäude und dem spezifischen Platz am Gebäude zuzuteilen, andererseits die Bearbeitungsspuren, die wichtige Hinweise, etwa zur Datierung, liefern.

Natürlich fotografiert sie das Architekturfragment auch noch von allen Seiten. In Töss kommt zudem eine besondere Technik zum Einsatz, wofür sich Linda Hilfe von einem Experten holt. Von speziellen Stücken werden 3D-Modelle erstellt. Dank diesen kann man das Fundstück auch nach der Ausgrabung noch bequem vom Schreibtisch aus untersuchen. Linda staunt darüber, dass die Untersuchung eines Architekturfragments am Bildschirm oft sogar einfacher geht als am Original. Denn das Modell lässt sich mit ein paar Mausklicks in alle Richtungen drehen, was am Original enorme Muskelkraft benötigte. Zudem ist es am Bildschirm möglich, die Farbwerte auszublenden, sodass die Bearbeitungsspuren neutraler erscheinen.

Von diesem Kontrast ist Linda in ihrem Alltag besonders fasziniert: In einem Moment beschäftigt sie sich mit mittelalterlichen Handwerkstechniken, im nächsten kommen brandneue Visualisierungsmethoden zum Einsatz. Doch bevor sich Linda mit ihren Steinen im virtuellen Raum verliert, darf sie den letzten wichtigen Schritt nicht vergessen: Sie bricht mit dem Pickel eine Gesteinsprobe ab, damit Geologen später die Herkunft und Qualität des Steins bestimmen können. Das Objekt ist nun zerstört und muss entsorgt werden. Doch Linda hat ein ruhiges Gewissen, denn alle Daten sind vorhanden. Das ermöglicht auch künftigen Forschern, die Steine zu untersuchen.

Und wer noch?

Natürlich gehören noch zahlreiche weitere wichtige Personen zum Team, die alle ihre spezifischen Fähigkeiten mit sich bringen. Sie erfüllen einerseits ihre individuellen Aufgaben, andererseits packen sie mit an, wenn es viele Hände braucht. Wenn nötig, kommen hie und da auch externe Spezialisten zum Einsatz. In Töss wurde beispielsweise ein Dendrochronologe aufgeboten, um eine Holzprobe anhand ihrer Jahrringe zu datieren. Die Archäologie ist ein sehr vielfältiges und interdisziplinäres Feld – das macht die Arbeit besonders spannend!

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Verfasst von:

Linda Christen

Linda Christen

Linda Christen hat vor kurzem ihr Archäologiestudium mit einer Masterarbeit zum Kloster Töss abgeschlossen. Sie arbeitet zur Zeit in verschiedenen Projekten für die Kantonsarchäologie Zürich.

Lorena Burkhardt

Lorena Burkhardt

Lorena Burkhardt hat Mittelalterarchäologie und prähistorische Archäologie studiert. Sie arbeitet als Projektleiterin bei der Kantonsarchäologie Zürich.

T
Thomas Bolliger

Ihre informativen und anschaulich präsentierten Führungen fand ich sehr spannend. Nochmals vielen Dank dafür.

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