Von brüllenden Löwen und korinthischen Kapitellen – wie die Skizzen eines Zeichners den Hauptbahnhof prägten

Der 1871 fertiggestellte Zürcher Hauptbahnhof markiert einen Wendepunkt in der Entwicklung des Verkehrswesens in der Schweiz. Unter der Leitung des Architekten Jakob Friedrich Wanner entstand ein Bauwerk, das technische Innovationen mit repräsentativer Architektur vereinte und die städtebauliche Entwicklung Zürichs prägte. Zusammen mit seinen qualitätvollen Erweiterungen aus dem 20. Jahrhundert ist der Hauptbahnhof ein hochkarätiges Baudenkmal. Deshalb werden auch die aktuellen Umbauten von der Kantonalen Denkmalpflege begleitet. Jüngst ist das Skizzenbuch eines Zeichners aufgetaucht, der vor 160 Jahren für Wanner den Bauschmuck entwarf.

Mitte des 19. Jahrhunderts war die Schweiz vom Eisenbahnbau geprägt. Nach der Eröffnung der Linie von Zürich nach Baden im Jahr 1847 entwickelte sich Zürich zum Knotenpunkt des schweizerischen Eisenbahnnetzes. Der erste Bahnhof erwies sich aber bereits nach wenigen Jahren als unzureichend für das wachsende Verkehrsaufkommen. Die Schweizerische Nordostbahn-Gesellschaft (NOB) begann deshalb in den 1860er-Jahren mit der Planung eines Neubaus, der modernsten technischen Anforderungen gerecht werden und der wirtschaftlichen und politischen Bedeutung Zürichs entsprechen sollte.

Die Entwürfe der damals führenden Architekten Gottfried Semper (1803–1879) und Leonhard Zeugheer (1812–1866) vermochten die NOB-Direktion nicht zu überzeugen. Daraufhin erhielt der junge Jakob Friedrich Wanner (1830–1903), zu jener Zeit Chefarchitekt der NOB, den Auftrag für die Gestaltung der neuen Anlage. Wanner hatte bereits einige Eisenbahnbauten realisiert und verfügte über umfassende Kenntnisse sowohl der architektonischen als auch der ingenieurtechnischen Anforderungen solcher Grossprojekte. Seine Planung musste verschiedene, teils widersprüchliche Anforderungen berücksichtigen: operative Effizienz, repräsentativer Anspruch und wirtschaftliche Realisierbarkeit im Rahmen eines beschränkten Budgets.

Plan des Zürcher Hauptbahnhofs von Jakob Friedrich Wanner. Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege.

Verknüpfung von Tradition und Moderne

Der von Wanner entworfene Bahnhof folgt dem Typus des Kopfbahnhofs, allerdings mit querorientiertem, zur Innenstadt ausgerichtetem Aufnahmegebäude. Dahinter liegt die Bahnhofshalle, deren beeindruckende Raumatmosphäre noch heute erfahrbar ist. Mit ihrer Spannweite von 43 Metern bot sie früher Platz für sechs Gleise sowie mehrere Perrons. Die Konstruktion des Dachs besteht aus genieteten Fachwerkträgern, die auf massiven Steinpfeilern ruhen. Regelmässig angeordnete seitliche Bogenfenster ermöglichen eine ideale Belichtung des Innenraums. Die technische Leistung Wanners bestand nicht nur in der Bewältigung ingenieurstechnischer Herausforderungen, sondern auch in der Lösung komplexer Detailprobleme – etwa bei der Ableitung von Regenwasser, der Belüftung oder der für den Bahnbetrieb notwendigen Integration technischer Infrastruktur. Heute hat sich für die Bahnhofshalle auch die Bezeichnung «Wannerhalle» eingebürgert.

Ende des 19. Jahrhunderts auf der Höhe der Zeit: Die Bahnhofshalle als lichtdurchflutete Eisen-Glas-Konstruktion. Die Züge fuhren damals noch in der Halle ein. Aufnahme um 1873, Schweizerisches Nationalmuseum – Landesmuseum Zürich.

Das Aufnahmegebäude gestaltete Wanner in den für die Zeit typischen historisierenden Formen. Die Fassaden zeigen Elemente der Neorenaissance, die Monumentalität und bürgerliches Selbstbewusstsein verkörpern. Das Spannungsverhältnis zwischen dem repräsentativen Steinbau des Aufnahmegebäudes und der technisch-modernen Eisen-Glas-Konstruktion der Bahnhofshalle ist charakteristisch für die Eisenbahnarchitektur jener Epoche: Passagiere mussten zunächst das traditionell gestaltete, in Verbindung mit der Stadt stehende Gebäude queren, bevor sie in die lichtdurchflutete Bahnhofshalle und damit in die industriell geprägte Welt der Eisenbahn eintraten.

Vorne links das repräsentative Aufnahmegebäude im Stil der Neorenaissance, dahinter die technisch-moderne Bahnhofshalle. Aufnahme um 1871, Baugeschichtliches Archiv Zürich.

Die Entdeckung von Heinrich Knüslis Skizzenbuch

Für die Ausschmückung der repräsentativen Fassaden und des Innenraums engagierte Wanner verschiedene Zeichner, die mit der künstlerischen Gestaltung betraut wurden. Ihre Namen sind heute vergessen – sie sind verschwunden hinter Wanner und den vielen weiteren namhaften Architekten, die im Lauf der vergangenen 150 Jahre am Hauptbahnhof weitergebaut haben.

Doch vor Kurzem ist der Name eines dieser vergessenen Zeichner wieder aufgetaucht: Heinrich Knüsli (1839–1909). Dieser war von August 1866 bis Juni 1867 bei Wanner als Zeichner angestellt und in dieser Zeit mit der Anfertigung von Arbeits- und Detailplänen für den neuen Zürcher Hauptbahnhof betraut. Seine Nachfahren traten im Sommer 2025 in Kontakt mit der Kantonalen Denkmalpflege, da sie in Knüslis Nachlass ein Skizzenbuch voller Zeichnungen und Notizen fanden. Auf rund 90 Seiten wechseln sich mit schneller Hand angefertigte Bleistiftskizzen, präzise Tuschzeichnungen verschiedener Architekturdetails und Tagebucheinträge ab. Nicht alle stammen vom Hauptbahnhof, doch besonders detailliert ausgeführte Zeichnungen zeigen Stuckaturen und Pilaster in korinthischer Ordnung, die sich exakt so wiederfinden in der sogenannten «Limmatvorhalle», dem Arkadengang auf der Ostfassade.

Links die Skizze von Heinrich Knüsli, rechts die Umsetzung des Kapitells in der Limmatvorhalle. Skizze Heinrich Knüsli, Foto Urs Siegenthaler.

Besonders auffallend ist auch ein brüllender Löwenkopf mit wilder Mähne. Am Hauptbahnhof taucht dieser gleich viermal auf: Als profiliertes Sandsteinmedaillon prägt der Kopf die Ostfassade zwischen Glockentürmen und Kilometer-Null-Säule – womit sich Knüsli mit seinem Entwurf an prominenter Stelle verewigen durfte.

Ostfassade Richtung Bahnhofquai heute, mit goldener Kilometer-Null-Säule, dahinter an der Fassade Knüslis Löwenköpfe. Foto: Urs Siegenthaler.

Mit dem Fund dieses Skizzenbuchs tritt ein interessantes Puzzleteil zutage: Während die Architekturpläne von Wanner bekannt sind und seit Jahrzehnten im Eidgenössischen Archiv für Denkmalpflege in Bern aufbewahrt werden, weiss man über dessen Büro und Arbeitsweise sowie die vielen helfenden Hände kaum etwas. Nun zeigt sich, dass Wanner seinen Zeichnern offenbar bei der Ausgestaltung des Bauschmucks viel Freiraum liess. Mit der Arbeit Knüslis war er offenbar sehr zufrieden. So ist in Knüslis Arbeitszeugnis, das sich ebenfalls im Nachlass wiederfindet, zu lesen, «dass er bei diesen Arbeiten sehr schätzenswerthe Kenntnisse im Hochbaufach und einen anerkennenswerthen Fleis an den Tag gelegt hat, welche Eigenschafthen ihm sehr zu seiner Empfehlung dienen.»

Plan der Ostfassade der Bahnhofshalle von Jakob Friedrich Wanner, gut zu erkennen sind auch hier die Löwenköpfe. Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege.

Weiterbauen am Denkmal

Der Hauptbahnhof erfährt seit über 150 Jahren stetige Veränderungen. Immer wieder wurde der Zugbetrieb erweitert und an die jeweils modernste Technik angepasst. Auch das Reise- und Aufenthaltsverhalten veränderte sich, inzwischen verfügt der Bahnhof über ein eigenes unterirdisches Shoppingcenter. Das alles machte immer wieder grosse bauliche Anpassungen nötig, wobei der 1871 fertiggestellte Kernbau – das Aufnahmegebäude und die Wannerhalle – samt dem nun etwas genauer erforschten Bauschmuck bis heute erhalten blieb.

Heute gilt der Hauptbahnhof als eines der bedeutendsten Denkmäler der schweizerischen Bahngeschichte. Er steht mitsamt seinen qualitativ hochwertigen Erweiterungen aus dem 20. Jahrhundert unter Schutz. Die Kantonale Denkmalpflege begleitet die Umbauten. Mit der jüngst abgeschlossenen Sanierung des Aufnahmegebäudes – auch bekannt als Südtrakt – und der derzeitigen Sanierung des Nordtrakts hat sie dazu beigetragen, dass das Erscheinungsbild des Hauptbahnhofs auch für das Jahr 2026 und darüber hinaus gefestigt wird.

Kutschen auf dem Bahnhofplatz. Aufnahme um 1873, Schweizerisches Nationalmuseum – Landesmuseum Zürich.

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Verfasst von:

Pietro Wallnöfer

Pietro Wallnöfer

Pietro Wallnöfer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Inventarisation und Dokumentation bei der kantonalen Denkmalpflege Zürich.

Jonas Schädler

Jonas Schädler

Jonas Schädler ist Bauberater bei der kantonalen Denkmalpflege und zuständig für die Begleitung sämtlicher SBB-Projekte im Kanton Zürich.

S
Sandra Schädler

Ich habe diesen ausführlichen Bericht mit grossem Interesse gelesen.
Vielen Dank für die Zusendung, Jonas!

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